Jahr: 2006

Erde an Canton

Lange Zeit hatten High-End-Puristen ein ziemlich ärgerliches, weil nicht zu lösendes Problem: Wie bekommt man aus einem Lautsprecher einen wohlklingenden Hörgenuss herausgekitzelt, ohne dafür meterweise und dazu noch teure Kabel verlegen zu müssen? In den letzten Jahren kamen schließlich ultraflache Leiter auf den Markt, die zwar nicht mehr an der Wand entlang, sondern unter der Tapete verlegt werden konnten — verlegt werden aber mussten auch sie noch. Nun hat sich Deutschlands Vorzeigeproduzent für High-Fidelity, die im hessischen Weilrod ansässige Firma Canton dieses Problems angenommen und das Lautsprecherset CD 3500 auf den Markt geworfen, das sich die nötigen Daten via Funkleitung von einem kleinen Sender schicken lässt. Und was kann man heute, zur Freude aller Interessierten, in der FAZ lesen? Die beiden schlanken Säulen spielten in bester Canton-Manier auf, »mit blitzblanken Höhen, einem angesichts der kleinen Chassis (…) überraschend kräftigen und trockenen Tiefbaß, bester Räumlichkeit und bestechender Dynamik«. Das klingt nach einem Versprechen. Nur, dass neben dem kräftigen und trockenen Tiefbaß auch der entsprechend kräftige und trocken kalkulierte Preis von 2400 Euro steht. Aber wer stört …

Retrosensibilismus

Gleich zwei Mails mit gleichem Inhalt haben mich heute morgen erreicht, der Anlass ist eigentlich ein schöner: Am Wochenende findet in Sidney die Weltmeisterschaft der Fahrradkuriere statt. Im Sommer, bei den Deutschen Meisterschaften in Köln und der ECMC in Helsinki, war eine junge Kollegin vom Deutschlandradio vor Ort, um im Hinblick auf Sidney eine Reportage über die Kurierszene zu machen. Die ist jetzt fertig und auch im Internet zu hören und wen erlausche ich beim Durchhören auf diesem Band? Mich. Zwar hat mich Frau Bettina Ritter aus Versehen im O-Ton halbnackt an den Strand von Helsinki verfrachtet, obwohl sie mich in Köln interviewt hat (und ich im Übrigen auch in diesem Sommer nicht in Helsinki war, noch nicht einmal bekleidet), das macht aber auch nicht viel, es ist ein toller Beitrag geworden. Reinhören lohnt sich für alle, die mal ein wenig mehr über die absonderliche Spezies Fahrradkuriere wissen wollen. Bei mir kommt eine Menge wieder hoch — der Drang, auf’s Rad zu steigen, Sehnsucht nach den guten alten Zeiten, nach Abgasen und verschwitzten Trikots, nach …

In the red

Der Herbst ist da, die Blätter fallen, und während Haribo Kastanien hortet, warten zu Hause gemütlich Abende und heißer Tee. Passend dazu hat die dänische Sängerin Tina Dico gerade ihr erstes Album herausgebracht. Und auch, wenn der Titel »In the red« (»Im roten Bereich«) ziemlich in die Irre führt, hat es die Platte in sich. Kuschelweiche Melancholie, unangestrengter Folkpop mit toller Stimme vorgetragen, was will man mehr? Keine hochgesteckten Ambitionen, keine großen Erwartungen, einfach eine Platte, um lange Tage mit noch längeren Abenden ausklingen zu lassen. Dabei hat die 23-Jährige durchaus einiges auf dem Kerbholz: In Dänemark kurzerhand U2 und Coldplay in den Charts entthront, Musikpreise als Best Songwriter (beim Dänischen Grammy) sowie Beste Komponistin (Danish Music Critics Award) abgestaubt und bereits ein eigenes Label gegründet. Das alles scheint sie gut zu verkraften, das zeigt das Album. Auch, wenn man es sich leisten könnte — es muss nicht immer Extravaganz sein…

Heute schon gescheitert?

Erfolg ist eine unglaublich langweilig Sache. Nicht nur für Außenstehende, auch für den Erfolgreichen selbst. Aufgrund dieser Tatsache und natürlich auch wegen des großen Erfolgs geht »Die Show des Scheiterns« in zweite Runde. Kennen Sie nicht? Sollten Sie aber. Freiwillige berichten über Vorhaben und Projekte, die nicht zustande kamen: Versandete Geschäftsideen, ein unvollendeter Roman oder ein anfälliges Entwässerungssystem für den Garten. Die Botschaft lautet: Scheitern ist etwas Sympathisches, für das man sich nicht zu schämen braucht. Im Gegenteil, nur wer etwas versucht, kann auch scheitern. Belastet Sie ein unvollendetes Werk? Dann sprechen Sie darüber. Wägen Sie ab, ob an der Sache noch was dran ist, oder ob Sie sich während der Show in einer rituellen Vernichtung endgültig davon verabschieden wollen. Das alles findet Platz im Kampnagel in Hamburg, willkommen sind Projekte aller Art: Künstlerische, technische, wirtschaftliche, soziale oder Freizeit- und Bastelprojekte. Also denn, gehen Sie mal wieder vor die Tür, erleben Sie eine vernichtende Niederlage und genießen Sie — später im Kampnagel — den Erfolg des Gescheitertseins.

Call for entries

Nur noch bis übermorgen (6. Oktober) lädt das Bonner Videofestival Videonale 11 KünstlerInnen ein, sich mit einer Videoarbeit aus den letzten drei Jahren für den offenen Wettbewerb zu bewerben. Die von einer internationalen Fachjury ausgewählten Arbeiten werden vom 15. März bis zum 15. April 2007 im Kunstmuseum Bonn in einer vierwöchigen Ausstellung präsentiert. Bei der Eröffnung (14. März 2007) wird der Gewinner des Videonale-Preises bekanntgegeben. Ziel des renommierten Videokunstfestivals ist es, aktuellste Positionen von Videokunst in einer vierwöchigen Ausstellung zu zeigen. Das Rahmenprogramm behandelt in unterschiedlichen Schwerpunkten theoretische und praktische Fragestellungen zum Thema Videokunst. In Workshops, Experten-Vorträgen und aus künstlerischer Sicht werden die Besonderheiten von Video als künstlerisches Medium in Bezug zu anderen Medien der bildenden Kunst thematisiert. Schwerpunkt der Workshops sind Fragen des Copyrights und der Restaurierung, sowie deren Auswirkungen auf Ausstellungsorte und Sammlungen. Anknüpfend an die letzte Videonale wird die Frage der adäquaten Präsentation von Videokunst in klassischen musealen Räumen gestellt und eine mögliche Antwort in der aktuellen Präsentation der Videonale 11 verwirklicht. Die gut 20-jährige Geschichte der Videonale begann 1984 im Bonner …