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Wieso, weshalb, warum oder: Vom Kribbeln im rechten Ohrläppchen (Adé, Filet — Teil 4)

Wer nicht fragt, bleibt dumm, heißt es schon in der Sesam­straße und wenn sich bei mir in den ver­gan­genen 27 Tagen eins ange­häuft hat, sind es Fra­gen. 27 Tage ver­suche ich jet­zt, mich veg­an zu ernähren, 24 davon hat das mehr oder weniger gut geklappt — an drei Tagen bin ich gescheit­ert. Meis­tens an mir selb­st. Doch zurück zu den Fra­gen — ich mag nicht dumm bleiben.

  1. Wieso ver­suchen so viele Produzent_innen veg­e­tarisch­er und veg­an­er Lebens­mit­tel auf Teufel komm raus, Fleisch und Fleis­ch­pro­duk­te zu imi­tieren? Wurst und Würstchen, Schnitzel und Frikadellen — all das gibt es in veg­e­tarisch­er und veg­an­er Form. Und vor allem: Warum schmeckt das Meiste davon, als arbeit­eten in den Entwick­lungsabteilun­gen dieser Unternehmen Men­schen, die in ihrem Leben noch nie Fleisch gegessen haben?
  2. Weshalb ist Man­delmilch — die wed­er beson­ders viele Man­deln enthält, noch nach Man­deln schmeckt — mehr als vier­mal so teuer wie Vollmilch? Ist es die Her­stel­lung? Ist es die pro­duzierte Menge?
  3. Warum ist es selb­st für Produzent_innen veg­e­tarisch­er und veg­an­er Pro­duk­te nicht selb­stver­ständlich, ihre Ware vernün­ftig zu etiket­tieren? Was ist so schw­er daran, ein veg­anes Pro­dukt als »veg­an« zu labeln und nicht — wie es so oft passiert — nur als »veg­e­tarisch«? Ist »veg­an« ein Begriff, vor dem selb­st die Mar­ketingabteilun­gen dieser Fir­men Angst haben? Ist trotz ein­er Zutaten­liste, die nicht auf tierische Inhaltsstoffe schließen lässt, irgend­was in diesen Pro­duk­ten, das sie nicht veg­an macht?

Um aber nicht nur Fra­gen zu stellen, hier noch zwei Tipps — Tipp 1 für alle, die sich für das The­ma inter­essieren, Tipp 2 für alle einge­fleis­cht­en (der musste ein Mal sein) Vegan-Aktivist_innen.

  1. Mei­det Veg­an-Foren! Es ist wie mit Gesund­heit­s­the­men. Ein­mal in einem Medi­z­in­fo­rum nachgeschla­gen, was dieses Kribbeln im recht­en Ohrläp­pchen bedeutet, schon glaub­st du, min­destens an Mit­telohrkrebs zu lei­den. Die Unsach­lichkeit, Radikalität und Men­schen­feindlichkeit, mit der in solchen Foren argu­men­tiert wird, hat mich sprach­los gemacht. Es hat ger­ade noch für diese paar Sätze gereicht.
  2. Lasst euch in Sachen PR berat­en! Es mag in euren Augen eine gute Strate­gie sein, alle Men­schen, die nicht eurem Welt­bild entsprechend leben, pauschal zu be- und zu verurteilen und Produzent_innen von Milch‑, Fleisch- und anderen tierischen Pro­duk­ten als skru­pel­los, grausam und böse darzustellen. Eur­er Glaub­würdigkeit aber tut das nicht gut — noch dazu fängt bei ein­er solchen Argu­men­ta­tion­sweise mein recht­es Ohrläp­pchen an zu kribbeln. Dabei kämpfen einige von euch eigentlich für eine gute Sache. Einige von euch wollen eine bessere Welt, bessere Lebens­mit­tel, eine gesün­dere Ernährung. Es ist heutzu­tage ein Leicht­es, gute Kam­pag­nen für solche The­men zu entwick­eln und Unter­stützer zu find­en, die sie erfol­gre­ich machen. Eng­stirnigkeit, Dog­ma­tismus, fehlende Sach­lichkeit und offene Radikalisierung aber machen all diese guten Voraus­set­zun­gen wieder zunichte. Schade drum.

Und meinen Moti­va­tion­sin­dex habt ihr damit auch fast auf Null gekriegt. Besten Dank.

Motivation und Fleischgelüste auf einer Skala von 1 bis 10


Blaue Kurve: meine Moti­va­tion / Orange­far­bene Kurve: meine Lust auf Fleisch

5 Comments

  1. Heißt das, dass wir bei Ihrem näch­sten Berlinbe­such mein Lieblingsrestau­rant (regionale Küche aus Biokäl­bern und Glück­shüh­n­ern) betreten kön­nen, ohne dass Sie in Hunger­streik treten müssen?
    Fragt ganz ohne Häme,
    Ihre Frau Meike

  2. Miel says

    Ich habe in der Hoff­nung auf Erken­nt­nis­gewinn eine Nacht über diesen Kom­men­tar geschlafen. Und schicke zur Einord­nung gle­ich voraus: ich war 20 Jahre lang Vegetarier.
    Zu 1.: habe ich nie ver­standen und werde ich (im Gegen­satz zu Witzen über meine Tofu-Würstchen, die beim Grillen in ein­er Ecke vor sich hin schrumpel­ten) nie verstehen.
    2. Kön­nte damit zusam­men­hän­gen, dass der Ver­gle­ich­swert nicht stimmt — Vollmilch ist viel zu billig.
    3. Ver­mu­tung: «veg­an» ist noch weniger ein­deutig als «veg­e­tarisch». Beispiel: wenn bei der Her­stel­lung eine Mas­chine involviert war, die Led­er­riemen hat­te — kann das Pro­dukt dann noch veg­an sein? Ich mut­maße mal, dass die Her­steller lieber «veg­e­tarisch» schreiben, um sich nicht angreif­bar zu machen — wenn Du dann für Dich das Pro­dukt als veg­an definierst, Deine Sache. Aber wenn sie es offiziell tun, dro­ht wom­öglich eine rechtliche Grau­zone. (Das ist aber reine Spekulation.)

    Und zu den Tipps: ich hat­te früher ™ oft einen Hals auf «mis­sion­ierende» Veg­an­er mit Null-Tol­er­anz-Schwelle. Überzeu­gung, und wenn sie wie in diesem Fall noch so gerecht­fer­tigt sein mag, ist ein ganz schlechter PR-Berater.

    P.S.: ins Restau­rant käm ich gerne mit.

    • Danke für die Aufk­lärung zu 3, das leuchtet ein, auch wenn der Fakt am Ende immer noch nervig ist. Und was die Vollmilch ange­ht: Selb­st wenn Vollmilch für den Preis über den Laden­tisch gehen würde, den sie ver­di­ent hätte, wäre Man­delmilch wohl noch etwa dop­pelt so teuer. Erschließt sich mir ein­fach nicht. :-(

  3. Wenn man die Aus­beute von Man­delmilch mit der von Kuh­milch in Bezug zur ‹Anbau­fläche› set­zt, wird klar, warum der Preis höher ist. Ich kenne keine Zahlen, aber ein­fach mal logisch gedacht erhalte ich aus 100qm mehr Liter Milch als Man­delmilch. Zumal die Kuh­milch kaum ver­ar­beit­et wer­den muss bevor sie in den Han­del kommt. Und die ‹Ernte› ist so gut wie nicht wet­ter­an­hängig. Dazu kommt, dass Man­del­bäume (glaube ich mich zu erin­nern) ein gewiss­es Alter erre­icht haben müssen, um zu tra­gen. Und wach­sen tun sie nicht in Deutsch­land, son­dern die Ware muss importiert werden. 

    Ich finde übri­gens die Man­delmilch von Provamel sehr leck­er und man­delig. Und falls das nicht genug Geschmack ist, pro­biers mal mit Mandelmus :-).

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