Im Bauch der Berge

Das Artilleriew­erk Crestawald bei Sufers war jahre­lang strenger Geheimhal­tung unter­wor­fen. Heute ist die Fes­tungsan­lage als Muse­um dem Pub­likum zugänglich — und das will die Geschichte des Bunkers hören.

Jakob Was­er sagt, rück­blick­end sei das alles wohl ziem­lich sinn­los gewe­sen. Was­er ist ein Mann von 65 Jahren, die grauen Haare mil­itärisch kurz. 30 Jahre hat er geschwiegen über seine Arbeit, selb­st gegenüber sein­er Frau, denn »wenn ein­er geplap­pert hat, dann haben sie den geholt«. Das erzählt Jakob Was­er heute, denn heute darf er erzählen.

»Zu Hause erzählt er mit schlechtem Gewis­sen ger­ade so viel, dass die Fam­i­lie nicht nach­fragt. Seine Frau arbeit­et im Kranken­haus, der Sohn ist Polizist. Die Wasers wis­sen, was Schweigen heißt.«

Auch Hugo Zarn darf erzählen, dort, wo Was­er Dienst geleis­tet hat. Er muss sog­ar, denn deshalb kom­men sie. Deutsche vor allem, aber auch Hol­län­der, Bel­gi­er, Lux­em­burg­er. Und Ital­iener. Sie wollen von dem 72-Jähri­gen wis­sen, wie das war mit dieser Fes­tung vor der Tür, den Gerücht­en, der Bedro­hung, der Angst. Sie wollen die Geschichte von Crestawald hören.

Hin­ter der Via­mala, dem Schlecht­en Weg, zieht sich vier­spurig die neue A13 durch die Schweiz­er Alpen, an der Rof­flaschlucht vor­bei über den San Bernardi­no nach Ital­ien — eine der wichtig­sten Routen in den Süden. Vor der Talsperre Sufers zweigt die alte A13 ab, nach eini­gen hun­dert Metern ver­schwindet ein Weg im Wald, dahin­ter ein Schild: Fes­tungsmu­se­um. Jahrzehn­te­lang durfte es diesen Ort nicht geben, wie alle Stel­lun­gen in den Alpen. 10.000 Kubik­me­ter Gestein schlep­pen sie zwis­chen 1939 und 1941 aus dem Berg, 120 Mann, Tag und Nacht, mit Ham­mer und Meißel. Und sie bauen zwei schwedis­che Schiff­skanonen ein, denen der Kom­man­dant nach einem Glas zu viel die Namen sein­er Töchter gibt: Sil­via und Lukre­tia. Denn Geschütze über zehn Zen­time­ter Kaliber bekom­men Mäd­chen­na­men, so ist das eben. Mehr als 50 Jahre hockt die Schweiz­er Armee bis an die Zähne bewaffnet in den Bergen und wartet auf einen Feind, der nie kom­men wird. Auf die Deutschen und die Ital­iener, später auf die Russen, dann weiß nicht ein­mal die Mil­itär­führung mehr, auf wen sie noch warten soll. Selb­st die Ein­heimis­chen witzeln heute über ihre mit Bunkern durch­löcherten Berge, sie sähen aus wie ein Emmen­taler. 20.000 Anla­gen sollen es auf dem Höhep­unkt des Kalten Krieges gewe­sen sein — eine auf jedem zweit­en Quadratkilometer.

Jakob Was­er war Fes­tungswächter in Crestawald, von 1967 bis 1995, da gibt es schon keinen echt­en Feind mehr. »Trotz­dem wären wir in 24 Stun­den ein­satzbere­it gewe­sen«, sagt er. Seine zehn Mann sor­gen dafür, 365 Tage im Jahr. Sie kon­trol­lieren die Tur­binen und Muni­tion­saufzüge, ver­anstal­ten Ret­tungsübun­gen und tauschen Lebens­mit­tel aus. Sie räu­men Schnee und hal­ten die Schuss-Schneisen frei. Sie füllen die Dieseltanks nach und schrubben die Abluftschächte. Und ein­mal pro Woche tritt Was­er zum Rap­port an: »Da haben sie uns wieder Geheimhal­tung einget­richtert.« Zu Hause erzählt er mit schlechtem Gewis­sen ger­ade so viel, dass die Fam­i­lie nicht nach­fragt. Seine Frau arbeit­et im Kranken­haus, der Sohn ist Polizist. Die Wasers wis­sen, was Schweigen heißt.

Auch in Sufers erzählen sie 60 Jahre nur, da sei was hin­ter dem See, irgend­was vom Mil­itär. Alle paar Wochen feuern die Sol­dat­en Übungss­chüsse nach Süden, dann zis­chen Geschosse über die alten Häuser hin­weg, mit etwas Glück sieht man sie am Hor­i­zont ver­schwinden. Was aber drin­nen genau vor sich geht, im Berg, weiß nie­mand. Ein­mal im Jahr wird das Sper­rge­bi­et zum Him­beerenpflück­en freigegeben, son­st herrscht Ruhe.

»Sie wer­den zur Totenkam­mer gehen, in der nie ein Tot­er gele­gen hat, und merken, wie der Tun­nel vor der steilen Treppe zum Beobach­tungsposten langsam ansteigt. Dann ist Schluss, nach zwei Kilo­me­tern geht es nicht weiter.«

45 Aper­i­tif hat Zarn im ver­gan­genen Jahr in der Fes­tungsküche zubere­it­et, hat 46 Mit­tagessen und 27 Nacht­essen serviert. Sog­ar ein Ehep­aar hat hier schon seine Hochzeit­snacht ver­bracht — eine Über­raschung des Gat­ten. Auch in diesem Jahr wer­den wieder Grup­pen im Berg absteigen. Hugo Zarn wird ihre Menüwün­sche ent­ge­gen­nehmen und einkaufen, er wird zwei Tage vor dem Besuch in die Fes­tung fahren und die Heizung ein­schal­ten, er wird die Bet­ten beziehen und seine eigene Pritsche. Seit eine Gruppe von 16 Mann hier für 800 Franken gezecht hat, bleibt auch er über Nacht. »Zu Hause schlafe ich nicht mehr richtig«, sagt er, gle­ich zweimal habe ihn der Feuer­alarm auf dem Nacht­tisch damals aus dem Bett geholt. Er wird mit den Besuch­ern die Notaus­gänge abge­hen und das Aben­dessen machen. Vielle­icht kocht er Bünd­ner Ger­sten­suppe, serviert in der nieren­för­mi­gen Gamelle. Oder es gibt Schinken im Brotteig.

Und er wird sie durch die Fes­tung führen, vor­bei an den 66 Kara­bin­ern, Mod­ell 31, zum Feuer­leit­stand und zum Maschi­nen­raum, in dem es nach Diesel riecht. Er wird ihnen die Kranken­sta­tion mit den acht Pritschen zeigen und die Tele­fonzen­trale, in der noch das Ein­satzbuch liegt. Der let­zte Ein­trag stammt vom 24. Juni 1993. »Tag­wache, weit­er trüb« hat der Sol­dat einge­tra­gen. »Nebel, Niesel­re­gen, 5°«. Er wird mit ihnen zur Offiziersmesse gehen, wo hin­ter dem Tisch und den elf Stühlen eine Miniaturver­sion von Van Goghs Nachtwache hängt, und zur Stube des Kom­man­dan­ten, dem seine Kam­er­aden ein kleines Holzfen­ster auf die Beton­wand über das Bett gez­im­mert haben. »Damit er auch mal raus­guck­en kann«, wird Zarn sagen und lächeln. Sie wer­den die 29 Stufen zur Druckschleuse hin­auf­steigen, durch die fünf Ton­nen schw­eren grauen Tore. Zwölf Eisen­stufen wer­den sie zählen bis zur Lukre­tia, dann im fahlen Licht an den nack­ten Gran­itwän­den ent­lang, an denen stetig Wass­er her­ab­tropft, sich in ein­er schmalen Rinne sam­melt und die Gänge hinab fließt. Sie wer­den zur Totenkam­mer gehen, in der nie ein Tot­er gele­gen hat, und merken, wie der Tun­nel vor der steilen Treppe zum Beobach­tungsposten langsam ansteigt. Dann ist Schluss, nach zwei Kilo­me­tern geht es nicht weiter.

Noch heute liegen am ganzen Hin­ter­rhein ver­lassene Stel­lun­gen. Als Sche­unen getarnte Bunker vor Splü­gen, eine Sperre in der Rof­flaschlucht, dazu dutzende ehe­mals heiße Objek­te. »Beina­he jede Brücke im Tal war mit Dyna­mit prä­pari­ert und wäre gesprengt wor­den«, erzählt Was­er. Wahnsinn sagt er dazu. Als nach dem Ende des Warschauer Pak­ts auch seine Anlage geschlossen wird, muss er in Frührente gehen. »Ein Schlag ins Gesicht.« Heute ist sein ehe­ma­liger Arbeit­splatz ein Muse­um. Viele Ein­heimis­che haben sich dage­gen gewehrt, die Anlage ein­fach zuzuschütten.

Vor acht Jahren dann haben sie einen Vere­in gegrün­det, der dieses Stück Geschichte bewahrt. Eine Geschichte, die auch die Schweiz­er erst nach und nach ent­deckt haben und von der bis heute nur wenige Touris­ten etwas ahnen. »Auf der einen Seite kann ich das Pro­jekt schon nachvol­lziehen«, sagt Jakob Was­er. »Auf der anderen Seite ist der Aufwand eigentlich zu hoch.« Alleine für Strom zahlen sie pro Jahr 10.000 Franken, die Ent­feuchter laufen 365 Tage am Stück. Bis zu 5.000 Besuch­er pro Jahr und 400 Vere­ins­mit­glieder braucht es, um solche Unkosten zu decken.

»Dann wird er die Alar­man­lage scharf stellen, das Holz­tor zus­per­ren, und in Crestawald wird wieder Ruhe einkehren.«

Wenn die Besuch­er wieder weg sind, wird die Arbeit für Hugo Zarn weit­erge­hen. Dann wird er den Müll entsor­gen und putzen, er wird zwis­chen­durch auf die Uhr schauen, um die Zeit nicht zu vergessen. Er wird die Heizung abschal­ten und das Licht löschen — 57 Schal­ter, gle­iche Rei­hen­folge wie immer. Und wenn ihm draußen auf­fällt, dass er doch einen vergessen hat, wird er den ganzen Weg wieder zurück gehen. Dann wird er die Alar­man­lage scharf stellen, das Holz­tor zus­per­ren, und in Crestawald wird wieder Ruhe einkehren.

Jakob Was­er war seit der Eröff­nung des Muse­ums nur noch ein­mal dort, mit diesem Ort habe er abgeschlossen, sagt er. Mit dem Mil­itär nicht ganz. Auf einem Bergrück­en hoch über Andeer hat er einen alten Beobach­tungsposten gekauft — als Hütte für die Gamsbockjagd.

Diese Reportage erschien am 5. April 2008 in der Leipziger Volk­szeitung und wurde im sel­ben Jahr mit dem »10. Graubün­den Nach­wuch­spreis für Reise­jour­nal­is­ten« aus­geze­ich­net. Du find­est sie auch in »Graubün­den erlesen«, ein­er Art Reise­führer über diese her­rliche Region der Südostschweiz. Ganz wichtig: Dieser Text ist nur zu Deinem pri­vat­en Gebrauch bes­timmt. Eine Veröf­fentlichung ohne Genehmi­gung ist lei­der nicht erlaubt.

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