Alle Artikel mit dem Schlagwort: Politik

Ausblick aus einem Flugzeug auf eine vereiste Landschaft

Ganz weit weg

Es ist ruhig an diesem Morgen in Paris. Sehr ruhig. Als wäre die Welt in Watte gehüllt, als wollte sie sich einpacken, sich schützen, sich etwas Geborgenheit zurückholen, etwas Sicherheit. Ich weiß nicht, was ich erwartet habe, vielleicht gar nichts, aber am Flughafen keine Armee, keine Polizei zu sehen, erstaunt mich. Und es beruhigt mich. Das Leben geht weiter, der Alltag hat sich nicht ganz aus dem Konzept, nicht ganz aus dem Tritt bringen lassen. Der perfide Plan, der aufgegangen zu sein schien, ist gescheitert.

Nahaufnahme von Fans des 1. FC Köln aus dem Video »Der Tag wird kommen«

Der Tag wird kommen

Ich glaube, selten ist ein neues Musikvideo so oft in meiner Timeline aufgetaucht wie Markus Wiebuschs »Der Tag wird kommen«. So viele haben schon darüber geschrieben — von kleinsten Blogs bis hin zum Stern. Es ist ein Song über den Fußball und all die »homophoben Vollidioten« in den Stadien, ein Song über feige Funktionär*innen und gescheiterte Karrieren. Ein Song, dessen Video per Crowdfunding enstanden ist, das in wenigen Tagen mehr als 50.000 Euro sammeln konnte. Es ist ein Song, der den Mund aufmacht und der unter die Haut geht, der an jedem Spieltag in jedem Stadion laufen sollte, den man aufdrehen muss und bei dem man die Lautsprecher auf die Fensterbank stellen und all den Menschen da unten auf der Straße zurufen will: »Hört hin! Das geht auch an Euch!«

Drei Jugendliche auf BMX-Rädern fahren bei Sonnenuntergang eine Straße hinunter

Maabrändi: Wie Finnland an seinem Image schraubt

Finnlands Tourismusorganisationen begeistern mich immer wieder aufs Neue. Wieviel Liebe, Zeit, Geld und positive Energie dieses Land in seine Kampagnen steckt, ist beeindruckend. Das Ergebnis: Wunderbare Broschüren, Filme und Veranstaltungen, deren erstklassigem Design und Hochglanzinhalt es neben vielem anderen zu verdanken ist, dass Jahr für Jahr mehr Menschen nach Finnland kommen. Doch eins fällt auf: Das Meiste davon ist ziemlich weit entfernt von der Wirklichkeit.

Briefmarke mit einer erotischen Männer-Zeichnung des finnischen Künstlers Tom of Finland

Abgestempelt: »Es sind nur Pobacken!«

Der kommende Montag wird ein denkwürdiger Tag. An diesem Tag nämlich setzt die finnische Post Itella einem der berühmtesten finnischen Künstler*innen des 20. Jahrhunderts ein Denkmal mit drei Briefmarken: Touko Laaksonen, besser bekannt als »Tom of Finland«. Während das an sich noch nicht ungewöhnlich ist, sind es mindestens die Motive: muskulöse Oberkörper, Lederstiefel, Kerle in Uniform, Pobacken.

Danke

Im Alter von 14 Jahren bekam ich — ein Kind des Bildungsbürger_innentums — ein 20-bändiges Lexikon geschenkt, wie so viele andere Kinder, die ich kannte. Bis vor wenigen Jahren stand es in meinem Regal, benutzt aber habe ich es offen gestanden nur selten. Und wahrscheinlich ist das auch ganz gut so, denn sonst wäre mir, wenn der Zufall mitgespielt hätte, auf Seite 261 von Band 5 (Eit-Fle) vielleicht eines Tages dieser Eintrag aufgefallen: Nun muss ich dazu sagen, dass für mich (gesellschafts)politische Fragen, bis ich 18 war, kaum Bedeutung gehabt haben. Die Rollenverteilung in meiner Familie und meinem näheren Umfeld war bis auf wenige Ausnahmen patriarchalisch geprägt, Feminismus, Gleichberechtigung, Diskriminierung, Rassismus und viele andere für mich heute wichtige Begriffe kamen in meiner Welt lange Jahre nicht vor. Hätte ich damals also auf Seite 261 von Band 5 diese »Feminismus«-Definition gelesen — sie hätte mich wohl abgeschreckt und in allem bestärkt, was bis dahin mein Weltbild ausmachte.