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Soviel Wein und keine Berge

Man sollte ja meinen, eine Region wie das Bur­gund, in dem laut dem 2007er-Baedek­er mehr als 1,7 Mil­lio­nen Hek­to­liter AOC-Weine pro­duziert wer­den, sollte auch voller Wein­berge sein. Wir haben wirk­lich gründlich hinge­se­hen, als uns die Route von Dijon nach Nord­west­en über Flav­i­gny-sur-Ozerain , Fonte­nay und Chablis nach Pon­tigny und retour geführt hat. Doch wenn es in diesem Teil der Bour­gogne etwas nicht gibt, dann Wein­berge. Vom recht isoliert gele­ge­nen Chablis ein­mal abge­se­hen, diesem knapp 200 Quadratk­ilo­me­ter großen Kan­ton um die gle­ich­namige Kle­in­stadt, aus der der so sünd­haft teure Weißwein kommt. Wenn es im Nord­west­en des Bur­gund mit seinen weit­en Hochebe­nen noch etwas nicht zu geben scheint, dann Men­schen (aber es ist ja auch Neben­neben­sai­son). Man möchte beim Durch­fahren der kleinen, ver­lassen wirk­enden Dör­fer mit ihren herun­tergekomme­nen, teil­weise ver­fal­l­enen Höfen und Häusern manch­mal etwas von «roman­tisch» und «pit­toresk» brabbeln. Doch dann muss man an zu Hause denken, an den Osten, und daran, dass ver­lassene Dör­fer und ver­fal­l­ene Höfe nur sel­ten etwas mit Roman­tik zu tun haben, son­dern eher mit hartem Leben und Land­flucht. Doch die Seele küm­mert sich ja nicht um solchen Schnickschnack. Man find­et es eben trotz­dem allzu hüb­sch. Ist es ja auch. Irgendwie.

Das Kon­trast­pro­gramm: Tag 3. Die Route: Von Dijon über Beaune, Tour­nus, Taizé und Cluny nach Mâcon. Hier an der Côte d’Or, dem schmalen Streifen zwis­chen Dijon und Chag­ny, gibt es kaum etwas anderes als Wein. Von den Hän­gen über die flachen Lagen bis in die Vorgärten hinein: nichts als Reben. Es hätte uns nicht gewun­dert, wäre auch noch der Rand­streifen der Land­straßen bepflanzt gewe­sen. Und noch etwas ist anders: Diese Gegend ist ein­deutig bewohnt. In den Wein­ber­gen wird gear­beit­et, in diesen Tagen beschnei­den die Winz­er die kurzen Reb­stöcke und ver­bren­nen den Reb­schnitt in eis­er­nen Schubkar­ren direkt im Wein­berg. Über­all in den Hügeln qualmt es, ein wun­der­samer Anblick. Der­selbe Reise­führer, der uns über die Bur­gun­der­men­gen informiert hat, behauptet übri­gens, dass Reisende im Bur­gund durch­schnit­tlich weniger als zwei Nächte bleiben. Vol­lkom­men unver­ständlich. Und immer­hin haben wir diese Quote auch schon um mehr als die Hälfte übertroffen.

Nicht nur der Wein, auch der Käse aus dem Bur­gund ist eine Sünde wert — ob der Cîteaux aus dem gle­ich­nami­gen Kloster, der berühmte Epoiss­es oder Lan­gres. Eines aber sollte man wis­sen, wenn man auf einem der Märk­te einkaufen geht (wir haben uns in das Getüm­mel in Beaune gestürzt, gle­ich neben dem Hôtel-Dieu mit dem ein­drucksvollen Füge­lal­tar von Rogi­er van der Wey­den): Mit Gram­mangaben hat man es dort nicht so. Auf die Bitte, uns von ein­er Sorte 200 und von ein­er anderen 100 Gramm für das Mit­tagessen abzuschnei­den, beka­men wir eine ordentliche Wochen­ra­tion, die uns immer noch beschäftigt. Aber irgend­wie musste die gute Dame ja alleine schon die Menge wieder reinkriegen, die sie uns und einem franzö­sis­chen Ehep­aar zum Pro­bieren abgesägt hat­te. Den geschmack­lichen Wahnsinn aber hat­ten wir einen Tag zuvor in einem kleinen Laden in Dijon ent­deckt: «Nonettes», kleine, runde, saftige Lebkuchen, für die Dijon eben­falls berühmt ist, belegt mit einem Stück Epoiss­es. Und dank des nur ein paar Straßen weit­er gele­ge­nen kleinen Ladens von Maille, der eher einem Muse­um gle­icht (34 Sorten!), haben wir nun auch wieder Senf für ein paar Jahre.

 

Somit war eigentlich alles wun­der­bar, wenn da nicht die Sache mit dem Blinken gewe­sen wäre. Beim ersten Mal dachte ich noch, einen auf­dringlichen Vertreteter hin­ter mir zu haben. Doch während das Auf­fahren mit links geset­ztem Blink­er bei uns inzwis­chen als Nöti­gung gilt, scheint es in Frankre­ich ein recht beliebtes Hob­by zu sein. Ein Zeichen für den Hin­ter­mann, das wohl soviel heißt wie: «Ich über­hole noch, gle­ich bin ich bere­it, auch wieder rechts rüberz­u­fahren. Wirk­lich.» Blink­er rechts ist so gut wie unbekan­nt, wer demon­stri­eren will, dass er genug über­holt hat, hört ein­fach auf zu blinken. Na gut. Und das Wet­ter, ich sage Ihnen: zum Helden zeu­gen. Erst auf dem Rück­weg mussten wir im Franche-Comté mit Schnee kämpfen, dafür aber auch gle­ich mit reich­lichen Men­gen. Den Weg hoch zur Wall­fahrt­skirche in Ron­champ haben wir noch geschafft, vor Erschöp­fung muss ich aber das Schild überse­hen haben, dass man im Innen­raum selb­st ohne Blitz nicht fotografieren darf. Ich habe aus Reue eine Kerze angezün­det. Im Elsass war dann der ganze Spuk auch schon wieder vor­bei. Dafür haben wir Col­mar am Tag des Fast­nacht­sumzugs erwis­cht. Dabei woll­ten wir eigentlich nur den Isen­heimer Altar sehen. Haben wir auch. Und von draußen dröh­n­ten die Karnevalss­chlager herein.

Gle­ich neben dem Markt von Beaune hat es übri­gens ein junger Wein­verkäufer doch noch geschafft, mich durch fre­undlich­es Nicht­stun vom Kauf einiger Flaschen Bur­gun­der zu überzeu­gen. Während im Bur­gund die Grand Crus und Pre­mier Crus selb­st im Super­markt ohne ein Wim­pernzuck­en für weit über 30 Euro verkauft wer­den, gibt es natür­lich auch einige bezahlbare Rote. Ich weiß, man soll ja aus dem Urlaub eigentlich keinen Wein mit­brin­gen, zu Hause schmeckt er dann nur sel­ten so gut wie vor Ort. Die Ath­mo­sphäre und so. Doch der Vorteil am Rotwein ist ja, dass man ihn so gut lagern kann, auch, wenn das für Bur­gun­der nur bed­ingt gilt. Ich werde die Flaschen aber ein­fach so lange liegen lassen, bis die Erin­nerun­gen an den Urlaub verblasst sind. Dann schmeckt er wieder.

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9 Comments

  1. baltasar says

    Schön­er Reise­bericht über ein mir immer noch unbekan­ntes Land.

    …und bitte beim näch­sten Mal doch mal einen abgerun­de­ten Michael Müller anstatt diesen trock­e­nen Baedeck­er ins Auge fassen ;)

  2. Ich kan­nte die Reise­führer von Michael Müller noch nicht, meine Frau bestätigt aber, dass die sehr gut sein sollen. Also: ver­sprochen. Im März geht es nach Südeng­land, dann ist Michi dabei. ;-)

  3. Auch wir brin­gen uns gern Wein aus dem Urlaub mit. Bish­er hat­ten wir eigentlich ein glück­lich­es Händ­chen. Auch unter 30 Euro kann ein Wein zu Hause schmeck­en. ;-) Wir kom­men ger­ade aus Südameri­ka wieder und hat­ten zwei feine Fläschen Caber­net aus Argen­tinien im Kof­fer. Nur die (deutschen) Steaks haben wir in der Tat nicht so gut hin­bekom­men wie die Portenos! 

    Schöne Grüße!

    nikki&michi

  4. Das glaube ich, nach­dem ich ein­mal im Fernse­hen gese­hen habe, dass ein Steak in Argen­tinien dur­chaus schon­mal im Ganzen auf den Grill kommt, habe ich den Traum aufgegeben, in unser­er durch­schnit­tlich großen Küche ein­mal so etwas zuzu­bere­it­en. Und was den Caber­net ange­ht: Die (Süd)Amerikaner haben sich ohne­hin gemausert, nach­dem sie den Schock mit Gal­lo und anderen Bil­lig­we­ingütern ver­daut hat­ten. Habe vor kurzem einen großar­ti­gen Trapiche getrunk­en, der deut­lich unter 30 Euro lag. ;-)

  5. In Argen­tinien grillen die auch mal paar Stun­den. Ich war mal dort und wir haben knapp 8 Stun­den gewartet. UND ICH HATTE HUNGER !

  6. Thomas Rupprecht says

    also was gibts denn schöneres als nen argen­tinis­ches steak und nen schön­er kali­for­nisch­er wein :)

  7. Michael W. says

    Argen­tien ist schon wirk­lich Spitze, was die Steaks ange­ht. Ich habe die ein­mal in DE gegessen und dann in Argen­tinien. Da liegen Wel­ten zwischen.

  8. Photovoltaikanlage says

    D’ac­cord meine Lieben! Die argen­tinis­chen Steaks sind Spitze! Mag aber auch die Irischen super gerne. Bei dem Wein bin ich mir noch nicht so ganz sich­er, was da am besten passt :) Trinke am lieb­sten nen schö­nen Chardon­nay, ist aber natür­lich immer alles Geschmackssache! 

    LG

  9. Beate says

    Also, dem argen­tinis­chen Steak stimme ich abso­lut zu aber über den Wein lässt sich streiten ;-)
    Würde zum Steak am besten einen schö­nen, leck­eren Baro­lo Wein (Ital­ien) trinken.

    Genuss pur :-)

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