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Herrenmagazin, live @ Moritzbastei

Bei allem Respekt, Herr Deniz Jaspersen. Erzählen Sie keinen Müll. Eine Band, die sich mit Hän­den und Füßen dage­gen wehrt, sich verorten zu lassen? Ham­burg­er Schule. Ein Sänger, «der sagt, dass er Rand­si­t­u­a­tio­nen mag, kör­per­liche, men­schliche Extreme, Boris Jelzin, den Ghet­to Tanz Krump­ing. Aber wenn man das gerne schreiben möchte, wehrt er mit bei­den Hän­den ab. Bloß nicht so greif­bar wer­den»? Schnickschnack.

Ein­fach ein großar­tiges Konz­ert. Weit ab von Weltverbesser­ern und Seichtköpfen wie Tomte oder Blum­feld. Eine Band, bei der Karo­hem­den noch erlaubt sind, Farin-Urlaub-Pon­nys auch und solide Musik sowieso. Eine Band, die sich nicht scheut, vor ger­ade ein­mal 100 (wohlwol­lend geschätzten) Gästen in der Moritzbastei zu rock­en. Eine Band, die man für die Vor­band hal­ten kön­nte. Hut ab.

Wie Her­ren­magazin auf Ihrer Home­page so schön schreiben: «Es ist an der Zeit, dieses Sys­tem jet­zt mal zu per­son­al­isieren: Deniz Jaspersen (der übri­gens eher auss­chaut wie ein Optik­er, Anm. d. R.) hat­ten wir ja schon, Halbtürke, kocht gern, isst gern. Philip Wild­fang, eben­falls Halbtürke, isst noch mehr, spielt Gitarre. Paul Konopac­ka, Bass­gi­tarre, jung. Kocht am besten. Und schließlich Ras­mus Engler, Schlagzeuger, Buchau­tor.» Es wun­dert nicht, dass sich Kettcar bei dieser Band zu Wort melden: «In Ham­burg raun­ten es sich die Men­schen schon länger zu: Ras­mus Engler hat ne neue Band, die kön­nen was, die wer­den was.» Und sie wer­den was wer­den. Mein erstes Konz­ert in Leipzig waren Kettcar im Werk II. Und wo sind sie heute? Erneut, bei allem Respekt: Kein Zwies­palt, keine Res­ig­na­tion, kein Mer­chan­dis­ing-Wahn. Nur «Rumms». Dafür Danke!

Die näch­sten Termine?

03.10.08 Biele­feld
04.10.08 Köln
06.10.08 Konstanz
07.10.08 München
08.10.08 Berlin
10.10.08 Darmstadt
11.10.08 Kaiserslautern
21.10.08 Oldenburg
22.10.08 Münster
23.10.08 Giessen
25.10.08 Stuttgart
26.10.08 St. Gallen
28.10.08 Innsbruck
29.10.08 Linz
30.10.08 Graz
31.10.08 Wien
30.01.09 Dortmund
31.01.09 Leer
07.03.09 Reutlingen

So sehen Feuchtgebiete aus

Die Suche nach «YouTube» liefert keinen Tre­f­fer. Die nach «Anna Netre­bko» ger­ade­mal 321. Das «iPhone» immer­hin schnei­det etwas bess­er ab, 28.600. Und das, obwohl es das Apple-Gerät noch gar nicht gibt. Was ist passiert? Wir sind im Jahr 2001 bei der Google-Suche gelandet. Zum Geburt­stag der Such­mas­chine haben die Betreiber ihr inzwis­chen zum Stan­dard gewor­denes Tool zurück­ge­set­zt, auf den ältesten ver­füg­baren Stand (inzwis­chen offline). Und doch, obwohl das nur sieben Jahre her ist, betritt man eine andere Welt. Bloß zum Ver­gle­ich: Für Frau Netre­bko bekomme ich heute 1.040.000 Tre­f­fer, für das iPhone 348.000.000 und für YouTube spuckt Google sat­te 908.000.000 Seit­en aus.

Eine schöne Spiel­erei, die sich Google da hat ein­fall­en lassen. Vor allem aber zeigt sie, wie ras­ant sich das Inter­net verän­dert. Und auch Google. Waren es vor sieben Jahre «ger­ade ein­mal» 1,3 Mil­liar­den Seit­en, die das Unternehmen durch­suchen kon­nte, sollen es heute schon 40 Mil­liar­den sein. Gerüchte sprechen sog­ar von der dreifachen Anzahl.

Der Blick zurück auf das Jahr nach der Jahrtausendwende tut vor allem der Seele gut. Suchen Sie ein­fach mal ein wenig, etwa nach «Deutsch­land sucht den Super­star», der «Ich-AG», «Johannes B. Kern­er» oder «Feucht­ge­bi­ete». Es ist eine Wohltat. Als hätte jemand den medi­alen Schal­ter umgelegt, ein paar Seit­en aus dem schwarzen Buch der Erin­nerung gelöscht. Nur den eige­nen Namen soll­ten Sie nicht googlen. Zumin­d­est nicht, wenn Sie sich nicht ganz, ganz sich­er sind.

Wundervolle Bankenkrise

Für den Deutschen an sich hat es wohl seit vie­len, vie­len Jahren kein schöneres Ereig­nis mehr gegeben als die aktuelle Finanzkrise, die ihr kle­briges Netz rund um den Globus spin­nt. Sich­er, sie kostet Ner­ven, Geld und am Ende wohl auch tausende von Arbeit­splätzen. Doch sie nutzt uns mehr, als wir vielle­icht denken. Denn: Jed­er von uns — glaubt man Schuld­ner­ber­ater Peter Zwe­gat — hat durch­schnit­tlich 8500 Euro Schulden. Gut, mit Sicher­heit nicht die ganze Summe bei der Haus­bank, aber einen gewis­sen Teil doch sicher­lich. Als Dis­po- oder Ratenkred­it, als Hypothek, als Dar­lehen. Den Rest, für den ein­mal in der Woche die Buben von Moskau Inkas­so vor der Tür ste­hen, ver­nach­läs­si­gen wir für unsere Rech­nung der Ein­fach­heit hal­ber einmal.

Nun wäre es doch wün­schenswert, wenn die US-Krise auch die deutschen Banken mit in den Abgrund reißen würde. Mit einem Schlag wären wir alle ein Stück unser­er Sor­gen los. Und die, auch das weiß Zwe­gat, führen schließlich nicht nur zu Ebbe im Porte­mon­naie, son­dern auch zu psy­chis­chen und sozialen Prob­le­men. Bis hin zu Dro­genkon­sum, Selb­st­mord oder gar Ehekrach.

Wun­der­volle Bankenkrise. Wenn es doch nur so ein­fach wäre. Denn lei­der sind die 8500 Euro eben nur ein durch­schnit­tlich­er Wert. Und auf den sollte man nicht all zu viel geben. Glaubt man näm­lich nicht nur Zwe­gat, son­dern auch der Zeitung «Die Welt», haben wir alle gar keine Schulden. Im Gegen­teil. Ich und Du und Sie und er haben im Mit­tel 58.000 Euro auf der hohen Kante. Wie das gehen kann, gle­ichzeit­ig ver­schuldet und der­art ver­mö­gend zu sein, das ist ein­er der Tricks von Sta­tis­tiken und ste­ht auf einem anderen Blatt. Jet­zt muss ich aber erst­mal zu mein­er Bank, meine 58.000 Euro ret­ten. Bevor die Finanzkrise auch bei uns durchschlägt.

Alles in schönster Ordnung

Es soll Men­schen geben, die gehen ohne Lis­ten nicht mehr aus dem Haus. Und da geht es nicht nur um Klas­sik­er, die Einkauf­s­liste etwa. Es soll Men­schen geben, die haben für alles Lis­ten, sog­ar für Lis­ten. Vielle­icht sog­ar nach Pri­or­itäten geord­net und zur Not noch eine Prio-Liste für die Prio-Lis­ten. Lange Zeit gab es, wenn ich mich an etwas unbe­d­ingt erin­nern musste, ein pro­bates Mit­tel. Es war preiswert und prak­tisch, sog­ar ästhetisch akzetabel und mobil: Post-Its. Heute aber schreiben Men­schen keine Lis­ten mehr. Sie betreiben Selb­st­man­age­ment. Eigentlich bedeutet das nichts anderes, als sich selb­st in den Arsch zu treten. Das Man­age­ment zu nen­nen, ist clever, denn es klingt mod­ern, effek­tiv, sauber. Und natür­lich kann man das nicht mehr mit Stift und Zettel machen. Also haben find­i­ge Erfind­er Tools erfun­den, die das Mod­ell »Get­ting Things Done« von David Allen für den Selb­st­man­ag­er in die Real­ität umset­zen. Ein­fach gesprochen: Der von seinen Auf­gaben und Ideen über­forderte Men­sch notiert sich alles Wichtige, und ein entsprechen­des Sys­tem stellt für ihn Verknüp­fun­gen und Kon­texte her. Und: Es tritt ihm in den Arsch. Read More

Marshmallows und Haarausfall

Das ist Nik­ki. Nik­ki Gra­hame. Nik­ki wurde — das erken­nt man an ihrem reizen­den Akzent — nord­west­lich von Lon­don geboren, war vor zwei Jahren bei der britis­chen Aus­gabe von «Big Broth­er» dabei und wurde spätestens mit ihrer eige­nen Fernsehshow «Princess Nic­ci» zur Insel­berühmtheit. Und Nik­ki hat Fra­gen. Zum Beispiel diese: Wer erfind­et eigentlich was und vor allem: warum? Oder diese: Wie kann es eigentlich sein, dass ein Tele­fon funk­tion­iert, eine MMS oder ein Flugzeug? Nik­ki macht sich Gedanken über Erfind­un­gen, und zwar auf der neuen Plat­tform «Wor­dia», die in Zusam­me­nar­beit mit so promi­nen­ten Insti­tu­tio­nen wie Harp­er Collins oder dem Nation­al Lit­er­a­cy Trust ent­standen ist.

Über allem ste­ht der etwas prahlerische Slo­gan «We’re redefin­ing the dic­tio­nary». Prahlerisch deshalb, weil Wor­dia eigentlich genau­so funk­tion­iert wie Wikipedia. Das Ganze ist ein Mit­mach­wörter­buch, es wächst durch die Beiträge der Nutzer. Und doch gibt es einen entschei­den­den Unter­schied. Denn Wörter­buch ist nicht gle­ich Wörter­buch. Bei Wor­dia heißt das Prozedere: Dich inter­essiert ein Begriff? Ein bes­timmtes Wort hat eine ganz beson­dere Bedeu­tung für Dich? Schnapp Dir eine Videokam­era, «definiere» den Begriff und schicke das Video an Wor­dia. Und damit nicht nur Nutzer ihre Videos ein­schick­en, hat Wor­dia auch einige «Promi­nente» ein­ge­laden, ihre Lieblings­be­griffe zu erk­lären. So wie Nikki.

Damit macht das Pro­jekt eben ger­ade nicht Wikipedia oder gar großen Enzyk­lopä­di­en Konkur­renz. Wor­dia scheint eher zum Stöbern gedacht, vielle­icht auch zu Stolpern. Denn der Reiz liegt nicht darin, dass man hier Wörter erk­lärt bekommt, son­dern darin, wie. Die Sub­jek­tiv­ität, der Charme der Teil­nehmer, ihre Sicht etwa auf Haa­raus­fall, Marsh­mal­lows oder den Kater (den am Mor­gen) ist manch­mal erschüt­ternd, manch­mal skur­ril, manch­mal ein­fach schön. Und manch­mal ist es eben auch der Akzent. Wie bei Nikki.