Körper & Geist
comments 4

Nicht nach vorne, nach oben!

Ver­trauen Sie sich selb­st? Ich frage deshalb, weil ich seit einiger Zeit immer wieder vor dem sel­ben Prob­lem ste­he. Zum ersten Mal vor vielle­icht sechs Wochen, in 15 Metern Höhe, hän­gend in der Wand. Am Klet­ter­gurt: Mein erster eigen­er Knoten. Selb­st zusam­menge­frimelt, auf den ersten Blick solide. Auf den zweit­en auch.

(Selbst)Vertrauen? Nicht die einzige Frage, die man sich zwis­chen Boden und Hal­len­decke, in diesen vielle­icht drei, vier Minuten stellen kann. Und doch, der Spiel­raum im Kopf ist begren­zt. Auf den näch­sten Griff, den näch­sten Tritt, die langsam über­säuern­den Muskeln, die schmerzen­den Füße. Kein Gedanke wird da ver­schwen­det an die Redak­tion, den noch unfer­ti­gen Artikel, das vollgestellte Spül­beck­en und den unerledigten Anruf. Stattdessen: die Wand im Kopf. Freiheit.

Anstatt nun seichte Vorsätze zu fassen, Nägel mit Köpfen gemacht. Schuhe gekauft, einen Klet­ter­gurt, einen lächer­lich schmalen Kara­bin­er, der aber tat­säch­lich das Gewicht eines men­schlichen Kör­pers hal­ten kön­nen soll, ein Sicherungs­gerät. Einen Kurs besucht und ein­weisen lassen, Sturzübun­gen gemacht und abge­seilt, Ziele gesteckt für 2010, einen Klet­ter­part­ner gefun­den. Es ist nicht die Zeit für Ankündi­gun­gen und Halb­herzigkeit­en. «Das neue Jahrzehnt ist das Jahrzehnt der freien Entschei­dung eines jeden okayver­di­enen­den Bürg­ers in den wohlhaben­den Indus­trien­atio­nen», schreibt Peter Unfried in der FAZ. «Mein Brud­er. Ich. Sie. Wir entschei­den uns: für Lebensstil­ver­ant­wor­tung. Für Kli­makul­tur. Für Klimapoli­tik. Für Aktion. Oder ganz bewusst dage­gen.» Ich entschei­de mich dafür. Für Ökostrom und zwei neue Zeitschriften­a­bos, für Sport und einen klaren Kopf. «Das Gehirn ist der wichtig­ste Muskel beim Klet­tern», sagte Wolf­gang Gül­lich. Schon heute weiß ich, dass er Recht hatte.

Und doch ist Klet­tern auch eine Frage des Gefühls, es ist ein klein­er Aus­flug in die Kind­heit. Einst auf Bäu­men, auf Felsen, auf Spielplätzen gek­let­tert, jet­zt an der senkrecht­en Wand, am Über­hang, wenn auch nicht mehr so unbe­darft, so sor­g­los. Klet­tern ste­ht für Tech­nik vor Kraft, für die unbe­d­ingte Absicherung und das Ver­trauen ineinan­der, für das bewusste Abschal­ten von Rou­ti­nen, für das Über­denken jedes einzel­nen Hand­griffs, jeden Schritts. Alles, was dem All­t­ag so oft ver­loren geht. 2010 wird ein gutes Jahr.

Filed under: Körper & Geist

by

Hello – my name is Florian. I'm a runner and blazing trails for Spot the Dot — an NGO to raise awareness of melanoma and other types of skin cancer. Beyond that, I get lost in the small things that make life beautiful: the diversity of specialty coffee, the stubborn silence of bike rides, and the flashes of creativity in fashion and design. Professionally, I’m an organizational psychologist and communication practitioner, working where people, culture, and language shape how change actually lands. When I’m not doing that, you’ll find me behind the bar at Benson Coffee in Cologne — quality-driven, proudly nerdy.

4 Comments

  1. Ach, Trotzen­dorff,

    wie ich dich beneide…
    Früher war ich auch mal schwindel­frei, hab mich in Graubün­den wilde Felsen hin­abge­seilt — aber im fort­geschrit­te­nen Alter ?
    Geht man da nur noch auf Num­mer sich­er ? Hat man das Ver­trauen ver­loren, in sich und andere ?
    Wie gerne wäre ich wieder ein unbeschw­ert klet­tern­des Kind.

    Wün­sch dir ein gutes Jahr 2010.

  2. Danke für die guten Wün­sche, das­selbe wün­sche ich Dir auch. Inter­es­san­ter­weise sagen die Klet­ter­lehrer ja, dass dieser Sport ger­ade für Men­schen mit Höhenangst sehr gut geeignet ist. Warum also nicht auch dann, wenn man «im fort­geschrit­te­nen Alter» noch etwas Ver­trauen zurück­gewin­nen will?

  3. Selb­stver­trauen, sich selb­st ver­trauen? Wer kann das in der heuti­gen Zeit eigentlich noch. Nor­maler­weise wird man aus den Medi­en und seinem per­sön­lichem Umfeld so mit Neg­a­tivem bom­bardiert, dass man über­legt ob es sich über­haupt lohnt aufzuste­hen. Wenn man sich dann erst mal dazu durchgerun­gen hat, dann über­legt man als Näch­stes, wann man sich wieder hin­le­gen kann. Das Selb­stver­trauen kann man also nur aus solchen Sit­u­a­tio­nen also hän­gend zwis­chen Hal­len­decke und dem 15 Meter darun­ter­liegen­den Boden schöpfen. Oder auch nicht ;-)

  4. Sabine says

    Super geschrieben, Klet­tern ist ein ein­tauchen in die Kind­heit :-) »Das Gehirn ist der wichtig­ste Muskel beim Klet­tern« Wie wahr! Klet­tern sollte an Schulen ein fes­ter Bestandteil im Sportun­ter­richt sein!

Leave a Reply to Wassily Cancel reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *