Wort & Tat
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Farfromhomepage oder: Creative Browsing

Das »Next Big Think« im Inter­net hat noch nie einen philosophis­chen Unter­bau gebraucht. Google, Face­book, Twit­ter — sie alle sind ohne aus­gekom­men, die bis­lang erfol­gre­ichen Plat­tfor­men sind zwar aus­gereift, aber alles andere als tief­gründig. Mit »Far­fromhome­page« kön­nte sich das ändern: Ohne das philosophis­che Fun­da­ment näm­lich wäre dieses Pro­jekt wohl gar nicht erst geboren wor­den, und die Chan­cen, dass es eine echte Sen­sa­tion wer­den kön­nte, ste­hen alles andere als schlecht.

Auf der stART11 in Duis­burg haben die bei­den Grün­der des Berlin­er Star­tups, Manuel Schei­deg­ger und Janosch Asen, ihre Idee vorgestellt. Und die ist so schlicht wie genial: Mit Far­fromhome­page kön­nen sich Nutzer_innen Schnipsel aus dem Netz auss­chnei­den — Videos, Bilder, Texte, ganze Seit­en oder einzelne Bere­iche. In Frames lassen diese sich dann zu einem Stream zusam­men­stellen, der ein wenig an das erin­nert, was wir als Video ken­nen, nur, dass die einzel­nen Frames navigier­bar bleiben. Sie nen­nen das: »Cre­ative Brows­ing«. Wie das in etwa aussieht, zeigen die Macher_innen von Far­fromhome­page in ihrem Video, und wie das funk­tion­iert, erk­lärt Manuel Schei­deg­ger in dem Inter­view, das ich heute auf der stART11 mit ihm geführt habe. Vor allem aber erläutert er auch ein Detail, auf­grund dessen ich Far­fromhome­page für einen ziem­lichen Knaller halte: Diese Art des Mashups ist — selb­st nach dem stren­gen deutschen Recht — urhe­ber­rechtlich offen­bar unprob­lema­tisch, sprich: legal.

Mich begeis­tert diese Idee vor allem auf­grund der ungeah­n­ten Möglichkeit­en des Geschicht­en­erzäh­lens. Welch­es Pro­jekt auch immer ich meinen Nutzer_innen näher­brin­gen will, ich kann einen Stream entwick­eln, der sowohl eige­nen als auch frem­den Con­tent enthält, der Text, Bild und Video verbindet, und der meinem Pub­likum die Arbeit abn­immt, sich in die Tiefen des Inter­nets stürzen zu müssen, um dort ver­steck­te Infor­ma­tio­nen aus­find­ig zu machen — und das, ohne ihm die Möglichkeit zu nehmen, irgend­wo abzu­biegen. Ganz zu schweigen davon, dass sich all das, was beispiel­sweise in einem Trans­me­dia-Sto­ry­telling-Pro­jekt an Inhal­ten erstellt und über die ver­schieden­sten Kanäle schon ver­bre­it­et wurde, mit Far­fromhome­page wieder zusam­men­fü­gen lässt — als Quin­tes­senz sozusagen, oder als invertiert­er Trailer.

Was das nun alles mit einem philosophis­chen Unter­bau zu tun hat? Auch das hat Manuel Schei­deg­ger heute — mit eini­gen Aus­flü­gen in die Philoso­phie und vor allem zu Kant — auf der stART11 erk­lärt: Zwar spricht er dem Inter­net dur­chaus den Sta­tus eines Medi­ums zu, im Gegen­satz beispiel­sweise zum Film — der bei Wikipedia als »Kun­st­form« beze­ich­net wird — oder dem Buch — das dort schon im drit­ten Absatz in Gen­res zer­legt wird — fehle es dem Inter­net noch an ein­er eigen­ständi­gen Ästhetik (nicht zu ver­ste­hen übri­gens im Sinne von Schön­heit). Und genau diese Ästhetik oder vielmehr die ästhetis­che Nutzung und Wahrnehmung des Inter­nets wollen Schei­deg­ger und Asen mit Far­fromhome­page ermöglichen. Ich bin zwar davon überzeugt, dass die meis­ten Nutzer sich für diese Ebene eines »Schnittpro­gramms für das Netz« nicht unbe­d­ingt inter­essieren wer­den, und das müssen sie auch gar nicht, dass dieses Pro­jekt jedoch das »Next Big Thing« sein kön­nte, halte ich mehr als nur für möglich. Übri­gens: Die Beta-Phase läuft bald an. Wer inter­essiert ist, diese Plat­tform zu testen, kann sich ein­fach bei Far­fromhome­page eintragen.

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