Wort & Tat
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Who’s Bad?

Es gibt bei umstrit­te­nen The­men dieses furcht­bar wack­lige Totschla­gar­gu­ment von so manchem Chefredak­teur, die Leute woll­ten bes­timmte Dinge ein­fach lesen. Wack­lig deshalb, weil es jegliche jour­nal­is­tis­che Kom­pe­tenz verneint, selb­st zu entschei­den, was rel­e­vant ist. Genau darüber gibt es auch im Fall Michael Jack­son Diskus­sio­nen. Bericht­en die Medi­en zu viel? Schlacht­en sie den Tod des Stars lediglich aus? Schon am Fre­itag, einen Tag nach Jack­sons Tod, kon­nte man über­all im Netz lesen, wie lei­dig dieses The­ma für einige ist. Redak­tio­nen erhiel­ten Leser­briefe und Kom­mentare mit der Frage, ob denn dieser Mann wirk­lich so wichtig gewe­sen sein, dass man so einen Rum­mel ver­anstal­ten müsse. Ja, war er.

Die Rel­e­vanz näm­lich ist in diesem wie in allen anderen Fällen das einzige Kri­teri­um, das für Jour­nal­is­ten zählen darf. Und sie ist gegeben. Michael Jack­son war ein­er der ein­flussre­ich­sten Musik­er, eine der schillernd­sten Per­sön­lichkeit­en und eine der umstrit­ten­sten Fig­uren im Show­busi­ness des 20. Jahrhun­derts. Natür­lich sind Nachricht­en über seine Per­son rel­e­vant, auch Nachricht­en über seine Fam­i­lie oder sein Erbe sind es. Auch meine Kol­le­gen und ich haben bei jed­er Idee, die uns gekom­men ist, entschei­den müssen, ob wir sie umset­zen oder nicht. Und wir haben so manche wieder fall­en lassen, auch aus moralis­chen Grün­den. Doch über den Umfang unser­er Berichter­stat­tung gab es keine Diskussionen.

Viele nen­nen das, was derzeit in den Medi­en passiert, respek­t­los. Ich würde diesen Vor­wurf umdrehen. Ich hielte es für respek­t­los, diesem Musik­er nicht die Aufmerk­samkeit zukom­men zu lassen, die ihm gebührt. Mit Ein­schränkun­gen, denn mit Sicher­heit ist nicht jed­er Artikel, jede Foto­strecke, jed­er Bericht über Jack­son, der seit Don­ner­stag Nacht veröf­fentlicht wurde, gut und richtig und moralisch unbedenklich.

Das Prob­lem: Für Rel­e­vanz gibt es keine objek­tiv­en Kri­te­rien. Immer wieder behaupten Men­schen, Boule­vard sei belan­g­los. Doch das ist eine Frage der Per­spek­tive. Wie viele Men­schen habe ich in den ver­gan­genen Wochen getrof­fen, die mit den großen Schlagzeilen jen­seits des Boule­vards nichts anfan­gen kon­nten — von der Wirtschaft­skrise über den Iran bis hin zu den Net­zsper­ren. Doch Jour­nal­is­mus und Presse sind eben kein Wunschkonzert.

Die Res­o­nanz bei Michael Jack­son hat eine neue Dimen­sion erre­icht. Wohl kaum ein The­ma in den ver­gan­genen Monat­en hat den Online-Medi­en so viele Kom­mentare einge­bracht. Das liegt unter anderem daran, dass Jack­son nicht nur musikalisch von so großer Bedeu­tung ist. Seine ganze Geschichte bis hin zu seinem (musikalis­chen) Erbe ist von, wie es im Jour­nal­is­ten­deutsch heißt, öffentlichem Inter­esse. Deshalb ste­ht das The­ma zurecht so weit oben, neben Poli­tik, Wirtschaft, Sport. Sie wer­den jet­zt fra­gen: «Sie wollen doch nicht ern­sthaft Poli­tik oder Wirtschaft mit Pop­musik auf eine Ebene stellen?» Und ich werde antworten: «Doch, das will ich. Bei­den messe ich, ohne dafür eine Skala zu haben, eine ähn­liche Bedeu­tung bei.» Auch Musik halte ich für leben­snotwendig. Punkt. Und Michael Jack­son war, ob man ihn nun mochte oder nicht, für dieses Medi­um eine Leit­fig­ur. Ohne ihn wäre vieles nicht möglich gewesen.

Noch ein Wort zum The­ma Ver­mark­tung. Wir wer­den zeit­nah erleben, dass Best-Of-Alben von Michael Jack­son erscheinen, es wird Doku­men­ta­tio­nen und Büch­er geben und nicht zulet­zt wird sich auch Hol­ly­wood schon bald sein­er Lebens­geschichte annehmen. Man kön­nte auch daran kri­tisieren, es werde lediglich Jack­sons Per­son aus­geschlachtet. Man kön­nte das unmoralisch nen­nen. In der derzeit­i­gen Auseinan­der­set­zung aber fehlt uns der his­torische Abstand. Und der ist nicht zu unter­schätzen. Nie­mand schaut sich einen His­to­rien­film an und regt sich dann darüber auf, dass wir bei Men­schen, die wirk­lich ein­mal gelebt haben, manch­mal so gar bis ins Schlafz­im­mer blick­en. Kaum jemand empfind­et das als respektlos.

Ich bin jedoch nicht sich­er, was Jack­son selb­st dazu sagen würde. Als ein Men­sch, der die Selb­stver­mark­tung per­fek­tion­iert hat, kön­nte ich mir, ohne ihn je getrof­fen zu haben, vorstellen, dass er sich sog­ar freuen würde über jedes Album, jeden Film, jedes Buch. Dass er es eine trau­rige Vorstel­lung fände, nie­mand würde sich jet­zt mehr für ihn inter­essieren. Und das, obwohl er mit dem Ruhm auch alles andere als pos­i­tive Erfahrun­gen gemacht hat. Worüber er sich genau aus diesem Grund wohl nicht freuen würde, wäre das Ein­drin­gen der Medi­en in die Pri­vat­sphäre sein­er Fam­i­lie und sein­er Kinder. Sie ist nicht nur unnötig, hier endet auch die Rel­e­vanz, hier begin­nt eine moralis­che Gren­ze. Dass die in diesem wie in so vie­len anderen Fällen über­schrit­ten wird, ist aus men­schlich­er wie jour­nal­is­tis­ch­er Sicht eine Ent­täuschung. Immer wieder.

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