Wort & Tat
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Mein Ich von 1998 und ich

Es ist inter­es­sant, wie viele Men­schen sich noch an ihre erste Han­dynum­mer erin­nern. Nadine von Bre­men (lei­der offline) auch. Sie erin­nert sich aber nicht mehr genau an ihr erstes Handy, ein Nokia kön­nte es gewe­sen sein, schreibt sie, auf jeden Fall «so hoch […] wie ein Porte­mon­naie». Und das heißt bei Damen­porte­mon­naies eine ganze Menge. Mein erstes Handy war von Sony, ich habe jedoch einen hal­ben Tag gebraucht, um her­auszufind­en, was für ein Mod­ell ich mir damals gekauft habe.

Sony selb­st pro­duziert inzwis­chen keine Handys mehr (Das Joint-Ven­ture Sony­Er­ic­s­son hat diesen Zweig 2001 über­nom­men), und beson­ders stolz scheint man bei dem japanis­chen Konz­ern auf die His­to­rie mobil­er Tele­fone auch nicht zu sein. Im Netz find­en sich kaum Hin­weise, dass es da mal was gab, bei Sony selb­st gar keine. Selb­st Wikipedia ver­schweigt, dass Sony jemals Handy pro­duziert hat. Oder ich bin zu blöd, um Wikipedia zu bedi­enen. Umso dankbar­er bin ich, dass es bei Yet Anoth­er Blog zumin­d­est von der Ver­pack­ung ein Foto gibt, dass unter CC-Lizenz ste­ht. Knicks.

1997 oder 1998, also ähn­lich wie Nadine reich­lich spät, kaufte ich mir ein Sony CMD-X-2000. Bei handycheats.de kann man noch nach­schauen, was dieses «kleine» Ding so alles kon­nte. Oder eben auch nicht: «WAP-fähig: Nein. GPRS: Nein. Ite­gri­ert­er Vibra­tionsalarm: Nein. Bre­ite: 46 (wahrschein­lich Mil­lime­ter, Anmerkung des Autors). Höhe: 147. Tiefe: 26. Vol­u­men: 155. Gewicht: 185. Sendeleis­tung: unbekan­nt. Sprach­codierung: Nein. Akkuart: Li-Ion. Anzeige Grafik: ja. Anzeige Dynamisch: ja. Feld­stärke Anzeige: Ja. Kapaz­itäts Anzeige: Ja. Tas­taturbeleuch­tung: Ja. Tas­tatursperre: Ja. Feste Klin­gel­toene: ja. Vari­able Klin­gel­toene: Nein. Voice Dial­ing: Nein. Wahlwieder­hol­ung: Ja.» Aber es hat­te ein Jog-Dial! Und eine ausziehbare Antenne. Und auch an meine erste Han­dynum­mer erin­nere ich mich noch. Eine 0171-Num­mer samt elendig teurem Vertrag.

Nadines Post hat mich auf eine Idee gebracht: Ich rufe mich ein­fach selb­st an, in der Ver­gan­gen­heit qua­si. Und siehe da: Die Num­mer gibt es noch. Es dauert auch nicht lange, bis sich jemand meldet, doch ich ver­ste­he den Namen nicht. Über­haupt ver­ste­hen wir uns recht wenig. Sprach­lich gese­hen. Ich ver­suche, dem jun­gen (?) Mann zu erk­lären, was ich eigentlich will, dass das mal meine Num­mer gewe­sen sei, ich nur sehen wollte, wem die jet­zt gehört, eine Zeitreise sozusagen. Er wird laut, ich entschuldige mich, ver­ste­he ihn aber immer noch nicht. Vielle­icht denkt er, ich will ihm die Num­mer weg­nehmen? Die wertvolle 0171-Num­mer? Das Gespräch endet abrupt, zwei Minuten später aber klin­gelt mein Handy, auf dem Dis­play meine alte Num­mer. Ich werde von meinem Ich aus der Ver­gan­gen­heit angerufen, das ich nicht ver­ste­he. Ich melde mich, höre einen leicht beschle­u­nigten Atem, dann Tuscheln im Hin­ter­grund, dann das Besetztzeichen.

Meine erste Han­dynum­mer gehört mir nicht mehr. Mein erstes Handy wird selb­st vom Her­steller ver­leugnet. Mein Ich aus der Ver­gan­gen­heit und ich haben schw­er­wiegende Kom­mu­nika­tion­sprob­leme. 1998 ist lange vor­bei. Gott sei Dank.

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Hello – my name is Florian. I'm a runner and blazing trails for Spot the Dot — an NGO to raise awareness of melanoma and other types of skin cancer. Beyond that, I get lost in the small things that make life beautiful: the diversity of specialty coffee, the stubborn silence of bike rides, and the flashes of creativity in fashion and design. Professionally, I’m an organizational psychologist and communication practitioner, working where people, culture, and language shape how change actually lands. When I’m not doing that, you’ll find me behind the bar at Benson Coffee in Cologne — quality-driven, proudly nerdy.

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