Author: Trotzendorff

Machtinstrument

Der Zeichen­s­tift ist ein mächtiges Werkzeug, vor allem für diejeni­gen, die keine Bilder ken­nen und wollen — sie fühlen sich belei­digt und ange­grif­f­en. Die in der Jyl­­lands-Posten veröf­fentlicht­en Mohammed-Karika­­turen erfüllen aber keinen strafrechtlichen Tatbe­stand und sind unan­tast­bar durch die Presse­frei­heit legit­imiert, die in Däne­mark noch um einiges bess­er geschützt ist, als hierzu­lande. Durch das Unver­ständ­nis auf bei­den Seit­en bleiben die Fra­gen nach Recht­fer­ti­gung und Sat­is­fak­tion die wichtig­sten Tage­sor­d­nungspunk­te im eskalieren­den Stre­it. Während es der logis­che Schritt für die Regierun­gen des Iran oder Libyens war, auf den ver­lock­end langsam fahren­den Zug aufzus­prin­gen und die Zeich­n­er (und mit ihnen gemein­sam die Zeitung, den Ver­lag und die Regierung) an den Pranger zu stellen, hätte der Umkehrschluss nicht gel­ten, die Karika­turen keine poli­tis­che Frage wer­den dür­fen. Erst durch die teils hil­flosen Beschwich­ti­gungsver­suche von europäis­ch­er Seite ist der Stre­it zu einem Poli­tikum gewor­den. Erst durch dieses Schuldeingeständ­nis hat man den Fun­da­men­tal­is­ten die Bühne zum Protest bere­it­et. Wie wohl hätte man im Nahen und Mit­tleren Osten reagiert, wenn die Europäer nach den Holo­­caust-Leug­­nun­­gen eines Mah­mut Ahmadined­schad auf die Straße gegan­gen wären, Muslime …

La toile, c’est moi!

Na pri­ma, ein­er der weni­gen Fre­itage ohne Süd­deutsche ste­ht mir bevor und dann kriegt man vor die Nase geset­zt, dass das ein Fehler war. Aus­gerech­net heute näm­lich rech­net Alex Rüh­le da mit den Blog­gern ab. Nein, Abrech­nung ist vielle­icht zu hart, er sagt Ihnen endlich ein­mal die Wahrheit. Über »Web 2.0«, das Gelobte Land der Inter­net­ge­meinde, über das Ende der Meta­physik und darüber, dass wir doch nicht die Stimme Gottes sind, son­dern nur die »Rit­ter der Schwafel­runde«. Dabei nimmt er den Blogs noch nicht ein­mal ihren Ein­fluss, der ja in eini­gen Fällen recht weitre­ichende Kon­se­quen­zen gehabt hat. Die meis­ten aber, und damit dürfte er zweifel­los Recht haben, sal­baderten lediglich selb­stre­f­eren­ziell vor sich hin. Und »der narzis­stis­che Glaube viel­er Blog­ger, schon im Moment ihrer Blogeröff­nung eine kri­tis­che poli­tis­che Gegenöf­fentlichkeit zu sein, die implizite Behaup­tung, das Medi­um selb­st sei Garant für bestechend unab­hängige Qual­ität und rit­ter­lich­es Tun, kann ermü­den«. Nicht nur das, es ist eine schlichte Lüge. Ich werde jet­zt erst­mal zum Kiosk wan­dern, mich ins Café Göt­tlich (sic!) set­zen, einen Schweinekaf­fee trinken und mir Her­rn Rühles …

Klappe auf

Erin­nern Sie sich noch an Ihren let­zten Kun­straub? Na, was war es denn? Ein Renoir, Van Gogh oder nur irgen­dein mick­riges Geschmiere? Sollte es sich um etwas Promi­nentes gehan­delt haben, wer­den Sie wohl schnell fest­gestellt haben, dass sich das gute Stück zwar deko­ra­tiv im Wohnz­im­mer macht, aber irgend­wie schw­er zu veräußern ist, so ganz ohne die passenden Kon­tak­te. Oder tut Ihnen der Künstler/Galerist/Museumsdirektor vielle­icht sog­ar leid, dem jeden Tag beim Vorüber­schre­it­en der leeren Wand ganz flau im Magen wird? Dann auf nach Köln, die Lösung heißt Kun­stk­lappe und wird heute um 19 Uhr im Hirschgäss­chen 2a feier­lich eröffnet. Ähn­lich wie bei unge­woll­ten Babys kann hier dann gestoh­lene Kun­st zurück­gegeben wer­den. »Die ther­a­peutis­che Idee daran muss so ver­standen wer­den, dass der Räu­ber in der End­losss­chleife zwis­chen Straßen-Kun­st hier und Kun­stk­lappe dort, wit­z­los leichter Beute und scham­los leichter Reue anfängt, am Ethos seines Berufes zu zweifeln und sich nun umschulen läßt.« (FAZ) Ob das wirk­lich funk­tion­ieren wird, mag dahingestellt sein, immer­hin aber — die Idee hat einen ern­sten Hin­ter­grund, arbeit­en die Kün­stler Mous­sa Kone und Erwin Uhrmann, …

Mogelpackung

Bei jed­er Durch­fahrt durch Schweiz­er Land­schaften — beson­ders auf­fäl­lig bei Reisen mit dem Zug — ärg­ere ich mich über die mit Indus­triege­bi­eten vollgestell­ten, wun­der­schö­nen Täler. Dieser Ärg­er resul­tiert jedoch nur aus der Freude über die ach so hüb­schen, deko­ra­tiv verzierten, alt­modis­chen Gebäude in Hügel- oder Hanglage. Alles Illu­sion, wie ich jet­zt erfahren muss! Eine ganze Unzahl dieser schmuck­en Bauw­erke ent­pup­pt sich auf nähere Sicht als Bunker, als »Falsche Chalets«. Vom Schweiz­er Mil­itär umgestal­tet zieren sie die Berge, zer­stören die Ver­trautheit, denn hin­ter den aufge­mal­ten Gar­di­nen sitzt keine glück­liche Fam­i­lie, hin­ter dem gar nicht vorhan­de­nen Tor schlafen keine Kühe. Hier saß die Schweiz­er Armee und hat ihr Land vertei­digt. Gute Idee! Der Fotograf Chris­t­ian Schwa­ger hat sich auf die Suche nach diesen Chalets und Sche­unen gemacht und sie in einem Buch ver­sam­melt. Ein desil­lu­sion­ieren­des Werk, aber span­nend und auf jed­er Seite über­raschend, abgerun­det mit einem erläutern­den Text von Gerold Kunz. Ich werde nie wieder mit dem­sel­ben Blick durch die Schweiz fahren kön­nen. Chris­t­ian Schwa­ger: »Falsche Chalets«, Edi­tion Patrick Frey Zürich, mit einem Text von Gerold Kunz, 144 …

Nullrunde

Ken­nen Sie die großen Branchen dieses Lan­des? Sich­er, da wäre die Ernährungsin­dus­trie, der Auto­bau, die Energiewirtschaft. Irgend­wo dazwis­chen jedoch müsste eigentlich die Kul­tur­wirtschaft genan­nt wer­den, mit immer­hin 965.000 Erwerb­stäti­gen, einem Jahre­sum­satz von etwa 74 Mil­liar­den Euro (2003) und ein­er Wertschöp­fung von 35 Mil­liar­den Euro. Zum Ver­gle­ich: Die Wertschöp­fung der Soft­­ware- oder der Energiebranche lag jew­eils etwa bei 30 Mil­liar­den Euro.* Und doch, die Poli­tik überge­ht in ihren aktuellen Finanz­pla­nun­gen die Kul­tur und wen­det sich lieber öffentlichkeitswirk­sameren Sparten zu. Aus­ländis­ches Kap­i­tal fließt weit­er an kul­turellen Insti­tu­tio­nen vor­bei nach Deutsch­land, die Nach­haltigkeit kul­tureller Pro­jek­te wird sel­ten erkan­nt. Lediglich einige wenige Großbaustellen wer­den — unter Blit­zlicht­ge­wit­ter und mit Siegerlächeln — mil­lio­nen­schw­er gefördert, oft aus Einzelini­tia­tiv­en und Oppor­tunis­mus her­aus. Ist das die Zukun­ft? Möglich wären, so schreibt Bernd Fes­el, bis 2007 etwa 45.000 neue Arbeit­splätze in der europaweit führen­den Kul­tur­wirtschaft. Möglich. *Dat­en zur Kul­tur­wirtschaft: Bernd Fesel