Author: Trotzendorff

Klappe auf

Erin­nern Sie sich noch an Ihren let­zten Kun­straub? Na, was war es denn? Ein Renoir, Van Gogh oder nur irgen­dein mick­riges Geschmiere? Sollte es sich um etwas Promi­nentes gehan­delt haben, wer­den Sie wohl schnell fest­gestellt haben, dass sich das gute Stück zwar deko­ra­tiv im Wohnz­im­mer macht, aber irgend­wie schw­er zu veräußern ist, so ganz ohne die passenden Kon­tak­te. Oder tut Ihnen der Künstler/Galerist/Museumsdirektor vielle­icht sog­ar leid, dem jeden Tag beim Vorüber­schre­it­en der leeren Wand ganz flau im Magen wird? Dann auf nach Köln, die Lösung heißt Kun­stk­lappe und wird heute um 19 Uhr im Hirschgäss­chen 2a feier­lich eröffnet. Ähn­lich wie bei unge­woll­ten Babys kann hier dann gestoh­lene Kun­st zurück­gegeben wer­den. »Die ther­a­peutis­che Idee daran muss so ver­standen wer­den, dass der Räu­ber in der End­losss­chleife zwis­chen Straßen-Kun­st hier und Kun­stk­lappe dort, wit­z­los leichter Beute und scham­los leichter Reue anfängt, am Ethos seines Berufes zu zweifeln und sich nun umschulen läßt.« (FAZ) Ob das wirk­lich funk­tion­ieren wird, mag dahingestellt sein, immer­hin aber — die Idee hat einen ern­sten Hin­ter­grund, arbeit­en die Kün­stler Mous­sa Kone und Erwin Uhrmann, …

Mogelpackung

Bei jed­er Durch­fahrt durch Schweiz­er Land­schaften — beson­ders auf­fäl­lig bei Reisen mit dem Zug — ärg­ere ich mich über die mit Indus­triege­bi­eten vollgestell­ten, wun­der­schö­nen Täler. Dieser Ärg­er resul­tiert jedoch nur aus der Freude über die ach so hüb­schen, deko­ra­tiv verzierten, alt­modis­chen Gebäude in Hügel- oder Hanglage. Alles Illu­sion, wie ich jet­zt erfahren muss! Eine ganze Unzahl dieser schmuck­en Bauw­erke ent­pup­pt sich auf nähere Sicht als Bunker, als »Falsche Chalets«. Vom Schweiz­er Mil­itär umgestal­tet zieren sie die Berge, zer­stören die Ver­trautheit, denn hin­ter den aufge­mal­ten Gar­di­nen sitzt keine glück­liche Fam­i­lie, hin­ter dem gar nicht vorhan­de­nen Tor schlafen keine Kühe. Hier saß die Schweiz­er Armee und hat ihr Land vertei­digt. Gute Idee! Der Fotograf Chris­t­ian Schwa­ger hat sich auf die Suche nach diesen Chalets und Sche­unen gemacht und sie in einem Buch ver­sam­melt. Ein desil­lu­sion­ieren­des Werk, aber span­nend und auf jed­er Seite über­raschend, abgerun­det mit einem erläutern­den Text von Gerold Kunz. Ich werde nie wieder mit dem­sel­ben Blick durch die Schweiz fahren kön­nen. Chris­t­ian Schwa­ger: »Falsche Chalets«, Edi­tion Patrick Frey Zürich, mit einem Text von Gerold Kunz, 144 …

Nullrunde

Ken­nen Sie die großen Branchen dieses Lan­des? Sich­er, da wäre die Ernährungsin­dus­trie, der Auto­bau, die Energiewirtschaft. Irgend­wo dazwis­chen jedoch müsste eigentlich die Kul­tur­wirtschaft genan­nt wer­den, mit immer­hin 965.000 Erwerb­stäti­gen, einem Jahre­sum­satz von etwa 74 Mil­liar­den Euro (2003) und ein­er Wertschöp­fung von 35 Mil­liar­den Euro. Zum Ver­gle­ich: Die Wertschöp­fung der Soft­­ware- oder der Energiebranche lag jew­eils etwa bei 30 Mil­liar­den Euro.* Und doch, die Poli­tik überge­ht in ihren aktuellen Finanz­pla­nun­gen die Kul­tur und wen­det sich lieber öffentlichkeitswirk­sameren Sparten zu. Aus­ländis­ches Kap­i­tal fließt weit­er an kul­turellen Insti­tu­tio­nen vor­bei nach Deutsch­land, die Nach­haltigkeit kul­tureller Pro­jek­te wird sel­ten erkan­nt. Lediglich einige wenige Großbaustellen wer­den — unter Blit­zlicht­ge­wit­ter und mit Siegerlächeln — mil­lio­nen­schw­er gefördert, oft aus Einzelini­tia­tiv­en und Oppor­tunis­mus her­aus. Ist das die Zukun­ft? Möglich wären, so schreibt Bernd Fes­el, bis 2007 etwa 45.000 neue Arbeit­splätze in der europaweit führen­den Kul­tur­wirtschaft. Möglich. *Dat­en zur Kul­tur­wirtschaft: Bernd Fesel

Werden Sie Held!

Vor eini­gen Tagen habe ich bei eBay eine dur­chaus bemerkenswerte Auk­tion ent­deckt, sie jedoch für das Werk eines notlei­den­den Ama­teurs gehal­ten. Da wird die Chance ver­steigert, einem noch nicht existieren­den Roman­helden seinen Charak­ter zu lei­hen. O‑Ton: »Ich bin ein deutsch­er Schrift­steller und ver­steigere an den Höch­st­bi­etenden die Rolle in einem Roman. Die Rolle kann Ihren Wün­schen entsprechen und Ihren Namen tra­gen; Sie kön­nen etwas sein, was Sie immer schon sein woll­ten.« Nun gut, die Idee ist nicht schlecht. Außer­dem han­delt es sich inter­es­san­ter­weise zwar tat­säch­lich um einen notlei­den­den Autor, jedoch keineswegs um einen Ama­teur, wie ich gestern aus der FAZ erfahren durfte. Die Idee zu dieser Auk­tion stammt von Alban Niko­lai Herb­st, der eigentlich Alexan­der Michael von Ribben­trop heißt, einem Großn­ef­fen Joachim von Ribben­trops, des deutschen Außen­min­is­ters unter Hitler. Das zumin­d­est erk­lärt die explizite Zusatzbe­merkung »Gestal­tungswün­sche, die gegen beste­hen­des Recht ver­stoßen oder in irgend ein­er Weise nation­al­sozial­is­tis­ches Gedankengut zu trans­portieren helfen, wer­den nicht berück­sichtigt.« Anscheinend, und da wird es inter­es­sant, ist aber noch gar nicht so sich­er, ob der so erfun­dene Roman­held, respek­tive die Heldin …

Nam June Paik †

Nam June Paik, ein­er der bedeu­ten­den Kün­stler der let­zen 50 Jahre, ist gestern in Mia­mi gestor­ben, wie auf sein­er Inter­net­seite zu lesen ist. Der 1932 in Seoul geborene Paik gehörte als Kom­pon­ist, Medi­en- und Per­for­mancekün­stler zu den weni­gen echt­en All­round­tal­en­ten der Kun­st des 20. Jahrhun­derts. Berühmt gewor­den durch seine teil­weise raum­fül­len­den Mon­i­­tor-Instal­la­­tio­­nen war er seit 1996 an den Roll­stuhl gefes­selt. Einen guten Überblick über das Werk bietet Wikipedia. Wer eine der Arbeit­en live erleben möchte, dem sei das 1993 angekaufte »Bran­den­burg­er Tor« im Muse­um Lud­wig in Köln emp­fohlen. Nach­trag | Dien­stag, 31.01.2006 — 10:51:11 Uhr: Das »Bran­den­burg­er Tor« befind­et sich zurzeit im Depot. Auf­grund fehlen­der Ersatzteile für die ver­wen­de­ten Mon­i­tore scheint es den Restau­ra­toren Schwierigkeit­en zu machen.