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Machtinstrument

Der Zeichen­s­tift ist ein mächtiges Werkzeug, vor allem für diejeni­gen, die keine Bilder ken­nen und wollen — sie fühlen sich belei­digt und ange­grif­f­en. Die in der Jyl­­lands-Posten veröf­fentlicht­en Mohammed-Karika­­turen erfüllen aber keinen strafrechtlichen Tatbe­stand und sind unan­tast­bar durch die Presse­frei­heit legit­imiert, die in Däne­mark noch um einiges bess­er geschützt ist, als hierzu­lande. Durch das Unver­ständ­nis auf bei­den Seit­en bleiben die Fra­gen nach Recht­fer­ti­gung und Sat­is­fak­tion die wichtig­sten Tage­sor­d­nungspunk­te im eskalieren­den Stre­it. Während es der logis­che Schritt für die Regierun­gen des Iran oder Libyens war, auf den ver­lock­end langsam fahren­den Zug aufzus­prin­gen und die Zeich­n­er (und mit ihnen gemein­sam die Zeitung, den Ver­lag und die Regierung) an den Pranger zu stellen, hätte der Umkehrschluss nicht gel­ten, die Karika­turen keine poli­tis­che Frage wer­den dür­fen. Erst durch die teils hil­flosen Beschwich­ti­gungsver­suche von europäis­ch­er Seite ist der Stre­it zu einem Poli­tikum gewor­den. Erst durch dieses Schuldeingeständ­nis hat man den Fun­da­men­tal­is­ten die Bühne zum Protest bere­it­et. Wie wohl hätte man im Nahen und Mit­tleren Osten reagiert, wenn die Europäer nach den Holo­­caust-Leug­­nun­­gen eines Mah­mut Ahmadined­schad auf die Straße gegan­gen wären, Muslime …

Mogelpackung

Bei jed­er Durch­fahrt durch Schweiz­er Land­schaften — beson­ders auf­fäl­lig bei Reisen mit dem Zug — ärg­ere ich mich über die mit Indus­triege­bi­eten vollgestell­ten, wun­der­schö­nen Täler. Dieser Ärg­er resul­tiert jedoch nur aus der Freude über die ach so hüb­schen, deko­ra­tiv verzierten, alt­modis­chen Gebäude in Hügel- oder Hanglage. Alles Illu­sion, wie ich jet­zt erfahren muss! Eine ganze Unzahl dieser schmuck­en Bauw­erke ent­pup­pt sich auf nähere Sicht als Bunker, als »Falsche Chalets«. Vom Schweiz­er Mil­itär umgestal­tet zieren sie die Berge, zer­stören die Ver­trautheit, denn hin­ter den aufge­mal­ten Gar­di­nen sitzt keine glück­liche Fam­i­lie, hin­ter dem gar nicht vorhan­de­nen Tor schlafen keine Kühe. Hier saß die Schweiz­er Armee und hat ihr Land vertei­digt. Gute Idee! Der Fotograf Chris­t­ian Schwa­ger hat sich auf die Suche nach diesen Chalets und Sche­unen gemacht und sie in einem Buch ver­sam­melt. Ein desil­lu­sion­ieren­des Werk, aber span­nend und auf jed­er Seite über­raschend, abgerun­det mit einem erläutern­den Text von Gerold Kunz. Ich werde nie wieder mit dem­sel­ben Blick durch die Schweiz fahren kön­nen. Chris­t­ian Schwa­ger: »Falsche Chalets«, Edi­tion Patrick Frey Zürich, mit einem Text von Gerold Kunz, 144 …

Nullrunde

Ken­nen Sie die großen Branchen dieses Lan­des? Sich­er, da wäre die Ernährungsin­dus­trie, der Auto­bau, die Energiewirtschaft. Irgend­wo dazwis­chen jedoch müsste eigentlich die Kul­tur­wirtschaft genan­nt wer­den, mit immer­hin 965.000 Erwerb­stäti­gen, einem Jahre­sum­satz von etwa 74 Mil­liar­den Euro (2003) und ein­er Wertschöp­fung von 35 Mil­liar­den Euro. Zum Ver­gle­ich: Die Wertschöp­fung der Soft­­ware- oder der Energiebranche lag jew­eils etwa bei 30 Mil­liar­den Euro.* Und doch, die Poli­tik überge­ht in ihren aktuellen Finanz­pla­nun­gen die Kul­tur und wen­det sich lieber öffentlichkeitswirk­sameren Sparten zu. Aus­ländis­ches Kap­i­tal fließt weit­er an kul­turellen Insti­tu­tio­nen vor­bei nach Deutsch­land, die Nach­haltigkeit kul­tureller Pro­jek­te wird sel­ten erkan­nt. Lediglich einige wenige Großbaustellen wer­den — unter Blit­zlicht­ge­wit­ter und mit Siegerlächeln — mil­lio­nen­schw­er gefördert, oft aus Einzelini­tia­tiv­en und Oppor­tunis­mus her­aus. Ist das die Zukun­ft? Möglich wären, so schreibt Bernd Fes­el, bis 2007 etwa 45.000 neue Arbeit­splätze in der europaweit führen­den Kul­tur­wirtschaft. Möglich. *Dat­en zur Kul­tur­wirtschaft: Bernd Fesel

Steigbügelhalter

Google ist in Chi­na mit sein­er neuen Such­plat­tform google.cn online gegan­gen und hat sich dabei den Vorge­hensweisen von Yahoo und Microsoft angepasst. Genau wie diese hat der US-Konz­ern der Regierung in Peking näm­lich zuge­sagt, Such­fil­ter nach jew­eiligem staatlichen Gut­dünken anzuwen­den, sodass poli­tisch heik­le The­men wie Tibet oder die Inter­net­seit­en regimekri­tis­ch­er Jour­nal­is­ten in den Suchergeb­nis­sen erst gar nicht auf­tauchen. Google hat sich endgültig zum Steig­bügel­hal­ter Pekings degradiert, das will so gar nicht zur Fir­men­philoso­phie »Tu nichts Bös­es« passen, die man sich in Moun­tain View auf die Fah­nen geschrieben hat. Und es lässt ein ungutes Gefühl im Bauch zurück, wenn man an die kür­zliche Forderung der US-Regierung denkt, Mil­liar­den von Such­dat­en her­auszugeben, der Microsoft und Yahoo bere­its nachgegeben haben. Dieser einst große Schritt ist für Google nun winzig gewor­den. Via netzpolitik.org

Schmock!

Das kleine Wörtchen »Schmock« stammt aus dem Jid­dis­chen und bedeutet ursprünglich soviel wie Tölpel oder Idiot, im mod­er­nen deutschen Sprachge­brauch wird es ähn­lich ver­wen­det. Der Münch­n­er Lokalbe­sitzer Flo­ri­an Gleibs hat es sich aus­geliehen und als Namen an sein Restau­rant gepappt, anscheinend nicht zu unrecht, wie man nun merken kann. Dieser cle­vere Geschäfts­mann hat näm­lich tat­säch­lich die Chuzpe und wirbt mit Plakat­en in der Münch­n­er Innen­stadt für seine Küche, auf denen die Sätze »Deutsche esst bei Juden« und »Deutsche trinkt bei Juden« zu lesen sind. Das Wort »Deutsche« ist dabei in his­torisieren­der Frak­tur geset­zt, eine Tat­sache, die die Assozi­a­tion mit dem Drit­ten Reich ger­adezu aufzwingt. Ent­wor­fen wur­den diese Pracht­stücke von zwei Mitar­beit­ern der Agen­tur Ser­vi­ce­plan, jedoch unter eigen­em Namen. Agen­­tur-Chef Flo­ri­an Haller wollte die Fir­ma in einem solchen Zusam­men­hang lieber nicht offiziell auftreten lassen, alleine das gibt zu denken. Nun muss man sich ohne­hin fra­gen, wie fern die deutsche Geschichte gerückt sein muss, damit eine solche Idee wirk­lich in die Tat umge­set­zt wird — nach Parolen wie »Deutsche, kauft nicht bei Juden« und ihren schreck­lichen Folgen. …