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Entwicklungsschub 2

Noch vor eini­gen Tagen haben Jacques Schus­ter und Roger Köp­pel in der Welt geschrieben, die Türkei gehöre nicht zur EU und habe das noch nie getan, wed­er kul­turell, noch geografisch. »Das Erbe der Antike, die jüdisch-christliche Ethik, die Renais­sance und die Aufk­lärung sind an ihr genau­so vorüberge­gan­gen wie an uns die Kul­tur des Harems.« Was ist dran an dieser These, was würde ein Beitritt der Türkei kul­turell bedeuten? Zunächst zu oben­ste­hen­der — zugegeben­er­maßen mutig zu nen­nen­der Behaup­tung. Das Erbe der Antike — ein her­rlich weit gefasster und daher schw­er zu wider­legen­der Begriff — zeigt sich natür­lich nicht in Stät­ten wie Tro­ja und Eph­esos. Unbe­deu­tende Orte, kaum His­to­rie und schon gar keine Entwick­lung. Die jüdisch-christliche Ethik, fun­da­men­tal ver­schieden von der islamis­chen, kann nicht, wie manche ver­messene His­torik­er ver­muten, auch in der heuti­gen Türkei gefun­den wer­den. Außer Acht lassen muss man da wohl, dass das Byzan­ti­nis­che Reich zu den ersten christlichen Staat­en der Welt zählt. Renais­sance und Aufk­lärung, soweit kann man den bei­den Autoren ent­ge­gen kom­men, musste das »Land« lei­der ohne Dür­er und Michelan­ge­lo erleben. Die Entwick­lung der …

Wer ist Deutschland?

Laut der gestern erst­mals geschal­teten Medi­en-Ini­­ti­a­­tive »Du bist Deutsch­land« lässt sich diese Frage recht ein­fach beant­worten. 25 Medi­enun­ternehmen und ein Dutzend Promi­nente haben einen Werbespot für Deutsch­land gedreht — ger­ade in ein­er Sit­u­a­tion, in der ohne­hin nicht klar ist, wer dieses Land wie weit­er­brin­gen kann. »Ziel der Kam­pagne ist es, in Deutsch­land eine neue Auf­bruch­stim­mung zu erzeu­gen«, so Organ­isator Bernd Bauer. Vor­bildlich waren dabei die Mitwirk­enden. Wed­er die Akteure, noch die Agen­turen von Ber­tels­mann und Jung von Matt sehen einen Pfen­nig Geld, auch Hon­o­rare für die son­st übliche Wer­bezeit wer­den nicht berech­net. Eine Kalku­la­tion schätzt den tat­säch­lichen Wert der gesamten Kam­pagne auf 30 Mil­lio­nen Euro. Fraglich ist, ob das Konzept aufge­ht und durch solche Kam­pag­nen (»Du bist Deutsch­land« läuft vier Monate lang auf allen wichti­gen Sendern) tat­säch­lich mehr Engage­ment und Auf­bruchsstim­mung entste­hen kann. Immer­hin, der Spot ist gelun­gen. Nicht zuviel Pathos, größ­ten­teils glaub­würdi­ge Promi­nente und ein guter Plot. Also denn, Du bist Deutsch­land! Nach­trag 20.37 Uhr: Der Spot zeigt Wirkung. Zurzeit scheint die Inter­net­seite des Pro­jek­ts auf­grund zu viel­er Zugriffe nicht erre­ich­bar zu sein.

Einsatz

Beamte der Berlin­er Staat­san­waltschaft haben gestern die Redak­tion­sräume des Polit­magazins »Cicero« durch­sucht, Unter­la­gen beschlagnahmt und den Redak­tion­sall­t­ag für einen hal­ben Tag lah­mgelegt. Der Grund dafür war ein Artikel des Jour­nal­is­ten Bruno Schirra über Abu Mussab al-Sarkawi, indem Schirra aus BKA-Akten zitiert hat­te, die mit dem Ver­merk »VS — nur für den Dien­st­ge­brauch« verse­hen waren. »Cicero«-Chefredakteur Wol­fram Weimer äußerte sich bish­er nur recht vor­sichtig, der Sprech­er des Ver­ban­des Deutsch­er Zeitschriften­ver­leger, Ste­fan Michalk, sieht den Vor­fall jedoch als Ver­stoß gegen die Presse­frei­heit. Bish­er scheint kein Mit­glied der »Cicero«-Redaktion ver­hört, geschweige denn angezeigt wor­den zu sein. Es bleibt also abzuwarten, welche Vor­würfe Bruno Schirra im Einzel­nen gemacht werden.

In den Sand gesetzt?

Bil­dung ist teuer, das ist inzwis­chen in den meis­ten Köpfen angekom­men. Aber die Investi­tio­nen sind doch oft auch gut angelegt. Mut in dieser Rich­tung beweist nun die Ver­wal­tung der kroat­is­chen Adria-Insel Molat. Für die sage und schreibe drei Schüler der Insel — alle­samt Kinder des ort­san­säs­si­gen Bäck­ers — wird, nach­dem diese bish­er noch am Unter­richt auf der Nach­barin­sel teilgenom­men hat­ten, eine eigene Schule gebaut. Für schlappe 170.000 Euro. Also, Herr Kan­zler, hier ein Vorschlag gegen den deutschen Bil­dungsnot­stand: Uni­ver­sitäten für Hausen-Oes und Char­lot­ten­hof. Damit es aufwärts geht!

The Big Easy

New Orleans war ein­mal eine lebenslustige Stadt. Musik, Men­schen, Touris­mus, Kul­tur. Nun liegt sie unter Wass­er, die vor­mals fröh­lichen Men­schen plün­dern, verge­walti­gen, mor­den, ster­ben, veg­etieren dahin. Dabei kam die Katas­tro­phe alles andere als uner­wartet. Seit Jahren haben Experten vor einem solchen Hur­rikan und der fol­gen­den Flut gewarnt, einzig man hat nicht auf sie hören wollen. Und nun muss die Bevölkerung alleine sehen, wie sie das Dra­ma bewältigt, während Herr Bush hüb­sche Reden schwingt. 250.000 Sol­dat­en sind im Nahen Osten sta­tion­iert und im Süden Amerikas herrscht die blanke Anar­chie. New Orleans wird nie mehr sein wie noch vor eini­gen Tagen, vielle­icht wird die ganze Stadt auch ein­fach abgeris­sen. Schon ste­hen die Ersten Schlange, um Spende­nak­tio­nen ins Leben zu rufen, das Chaos wird medi­al aus­geschlachtet. Bei allem Grauen bietet New Orleans dieser Tage die per­fek­te Bühne für die großen Selb­st­darsteller. Wie sagte eine Kon­gress­ab­ge­ord­nete im Fernse­hen: »Shame, shame on Amer­i­ca«. The Big Easy bedeutet eben nicht nur »Die große Leichte«, son­dern auch »Der große Leichtsinn«.