Tisch & Bett
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Adé, Filet

Auf den ersten Blick ist der Mai ein denkbar ungün­stiger Monat für Exper­i­mente. Ein Woch­enende Basel ste­ht gle­ich am Anfang auf dem Pro­gramm, dazu kom­men die re:publica in Berlin und eine Verabre­dung zum Aben­dessen in Bonn — und auch das ständi­ge Pen­deln zwis­chen Köln, Kas­sel und Han­nover macht mir noch ein biss­chen Sor­gen. Und doch wollen wir uns im Mai einen Monat lang veg­an ernähren. Ein Monat lang kein Fleisch, kein Fisch, keine Eier und keine Milch­pro­duk­te. Ob und wie das funk­tion­iert, welche Hür­den wir dafür nehmen müssen und wo wir an Gren­zen stoßen — all das werde ich hier aufschreiben.

»Oft sehe ich Panik in den Augen ander­er, wenn ich mich als Men­sch zu erken­nen gebe, der sich veg­an ernährt«, schreibt Atti­la Hild­mann in seinem Kochbuch »Veg­an for Fun«, das uns auf diese Idee gebracht hat. Und ein biss­chen Panik wird jet­zt auch in meinen Augen zu sehen sein. Ger­ade unter­wegs — in Basel, in Berlin, auf dem Weg zur Arbeit — dürfte die Umstel­lung enorm sein. Denn die Idee, von der Hild­mann schreibt, dass wir uns an ein­er Tankstelle ein veg­anes Pesto-Baguette mit Räuch­er-Tofu und einen Matcha-Lat­te-Shake bestellen kön­nen, ist selb­st in Großstädten noch Utopie. Ganz davon abge­se­hen, dass wir bis jet­zt noch nicht wirk­lich viele gute Bio-Super­märk­te in Kas­sel ent­deckt haben. Und die Polizeikan­tine für die Mit­tagspause ist damit auch gestor­ben. Aber vielle­icht ist ger­ade das das Span­nende an diesem Monat. Vielle­icht kön­nen wir zeigen, wie all­t­agstauglich es ist, sich veg­an zu ernähren — oder eben auch nicht.

Vegane Mayonnaise? Veganes Ketchup?

Doch es gibt auch einiges, das mich beruhigt — zu allererst die Rezepte in Hild­manns Kochbuch oder in Yotam Ottolenghis »Plen­ty«, die zum Teil auch veg­an sind. Leck­er wird der Monat also schon­mal. Daneben sind nicht wenige Lebens­mit­tel von Haus aus frei von tierischen Pro­duk­ten. Diverse Brot­sorten, Getränke und jeglich­es Obst und Gemüse stellen von vorn­here­in kein Prob­lem dar, und But­ter durch Mar­garine zu erset­zen, ist für mich eine Kleinigkeit. Dazu kommt, dass etliche alter­na­tive Pro­duk­te wie Soja­joghurt oder Tofu ohne­hin schon zu meinem All­t­ag gehören. Nicht sel­ten ziehe ich die fleis­chlosen Bratlinge, die es im Super­markt um die Ecke gibt, klas­sis­chen Frikadellen vor.

Und nicht zulet­zt bin ich ganz ein­fach neugierig, was Essen ange­ht. Ich kann mich — abge­se­hen von den typ­is­chen Abnei­gun­gen in der Kind­heit — an keine Mahlzeit erin­nern, die ich nicht min­destens pro­biert hätte. Und so freue ich mich schon darauf, mit Pro­duk­ten wie Hafer­milch oder Tem­peh, Sei­tan oder Agar-Agar zu kochen. Und ob veg­ane May­on­naise und Ketchup wirk­lich so schmeck­en, wie ich es erwarte?

Beim Gedanken an Époisses weine ich

Während es mir noch ziem­lich ein­fach erscheint, auf Fleisch zu verzicht­en sowie Milch, Sahne und Eier zu erset­zen, befürchte ich allerd­ings, dass ich Käse wirk­lich ver­mis­sen werde — nicht nur deshalb macht mir der Basel-Trip etwas Sor­gen. Beim Gedanken daran, einen Monat lang keinen Gruyere, keinen Manchego und keinen Ziegenkäse zu essen, werde ich schon jet­zt ein biss­chen wehmütig. Und beim Gedanken an Époiss­es mit Lebkuchen weine ich.

Bleibt die Moti­va­tion, bleibt das Warum. Neben der Neugi­er auf span­nende Rezepte treibt mich vor allem die Frage an, was veg­ane Ernährung wirk­lich verän­dern kann. Und damit meine ich in erster Lin­ie nicht die teil­weise glob­alen Auswirkun­gen auf Land­wirtschaft oder Kli­ma — die werde ich in unserem Test­monat mit vertret­barem Aufwand nicht nachvol­lziehen kön­nen. Viel span­nen­der finde ich, welchen Effekt die Umstel­lung auf uns haben wird. Auf unsere Gesund­heit, unser Wohlbefind­en und auch auf unseren All­t­ag — und nicht zulet­zt auf unsere Ein­stel­lung und unsere Haushalt­skasse. Bleiben also noch zehn Tage, sich vorzu­bere­it­en. Und zehn Tage, noch ein paar der Lebens­mit­tel zu genießen, die ab dem 1. Mai tabu sein wer­den. Apro­pos: Bei so einem Hefeweizen, das ich ger­ade trinke: Zählt die Hefe da eigentlich als lebendi­ger Organismus?

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Hello – my name is Florian. I'm a runner and blazing trails for Spot the Dot — an NGO to raise awareness of melanoma and other types of skin cancer. Beyond that, I get lost in the small things that make life beautiful: the diversity of specialty coffee, the stubborn silence of bike rides, and the flashes of creativity in fashion and design. Professionally, I’m an organizational psychologist and communication practitioner, working where people, culture, and language shape how change actually lands. When I’m not doing that, you’ll find me behind the bar at Benson Coffee in Cologne — quality-driven, proudly nerdy.

7 Comments

    • Das mit der Hefe beruhigt mich ja schon­mal. ;-) Und danke für die guten Wün­sche und den Link — erst­mal einlesen …!

  1. Serpil says

    Ich, eine lei­den­schaftliche Fleis­chkon­sumentin, habe «es» auch nur als Pro­jekt gese­hen und gestartet.
    Inzwis­chen sind sechs Monate ver­gan­gen. Sechs Monate ohne Fleisch. Und auf tierische Pro­duk­te verzichte ich immer noch, so lange es geht. 

    Herr Trotzen­dorf, ich bin sehr auf Ihre Erleb­nisse gespannt.
    Solange Sie sich als Ein­stieg in ein veg­anes Leben an das Buch hal­ten, bin ich mir sich­er, dass Sie begeis­tert sein wer­denn. Es schmeckt näm­lich so gut…

    • Das mit dem Geschmack ist tat­säch­lich über­haupt nichts, was mir Sor­gen macht. Aber inwiefern das ger­ade bei meinem aktuellen Lebensstil prak­tik­a­bel ist und ob ich auf Dauer auf Käse verzicht­en mag — da bin ich gespannt!

  2. Ich wün­sche viel Spaß und natür­lich leck­eres Essen bei den veg­a­nen Wochen. Let­ztlich habe ich auch immer mal mit dem Gedanken gespielt, aber aktuell sieht es eher so aus, dass ich ver­suche, «ethisch kor­rek­te» Lebens­mit­tel zu kaufen, was auch zumin­d­est bei Milch und Eiern recht gut funktioniert.

    Ich bin aber auch ein ganz fürchter­bares Milchkind und kann mir ein Leben ohne frische kalte Vollmilch nicht vorstellen. (Ja ja, ich weiß, es gibt Soja‑, Reis‑, und Hafer­milch, aber die schmeckt halt anders, das kann man nicht vergleichen.)

    Auf jeden Fall bin ich ges­pan­nt, was aus dem Exper­i­ment wird.

    • Ja, das mit der Milch ist auch so eine Sache. Und was die »ethisch kor­rek­ten« Lebens­mit­tel ange­ht — das ver­suchen wir ohne­hin schon, ger­ade bei heiklen Pro­duk­ten wie Fleisch. Und sollte ich mich danach entschei­den, weit­er­hin veg­an zu leben, müsste ich im Juni zumin­d­est eine Woche Pause machen, um in Finn­land Angeln gehen zu kön­nen. Was man selb­st gefan­gen und getötet hat, ist doch ok, oder? ^^

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