Tisch & Bett
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»Salva & Suc« oder: Wie ich mich mit der kalabrischen Mafia anlegte (Adé, Filet — Teil 1)

Der Kellner mit dem unübersehbaren Tattoo auf dem Unterarm wird mich heute Abend noch töten. »Salva & Suc« steht da — zumindest, wenn ich die schwarze Frakturschrift richtig entziffere. Bestimmt die Losung irgendeiner kalabrischen Mafia-Dynastie, und genau die habe ich gerade offenbar auf’s Blut beleidigt. Vermutlich ist es seine Mutter, die in der Küche steht und kocht, und die wird gar nicht erfreut sein, wenn sie hört, was ich ihren Lieblingssohn gerade gefragt habe. »Was ist das, vegan?«, knurrt er. »Kein Fleisch, kein Käse, keine Milchprodukte, keine Eier«, antworte ich leise und sehe, wie ein mitleidiges Lächeln über sein Gesicht huscht. »Sie werden was finden in der Karte«, gibt er kurz angebunden zu Protokoll — und ich weiß, die Diskussion ist beendet, bevor sie überhaupt begonnen hat. Vorsichtig frage ich noch nach, ob denn die Tomatensauce vegan sei oder ob da vielleicht Butter drin ist, damit aber habe ich endgültig mein Todesurteil unterschrieben. Butter in der Tomatensauce! Genauso gut hätte ich ihn fragen können, ob seine Mutter auch so hässlich ist wie er. Dabei sieht er eigentlich ganz nett aus. Gefährlich, aber nett.

Trotzdem — der »Pasta al sugo« traue ich irgendwie nicht über den Weg. Also doch »Spaghetti aglio, olio e peperoncino«, Spaghetti mit Knoblauch, Olivenöl und Pepperoni. Schlicht, aber gut — und auf jeden Fall ohne irgendwas vom Tier. Und das zählt in diesem Monat, denn im Mai ernähre ich mich vegan.

Ist es das alles wert?

Die letzten Tage habe ich damit verbracht, herauszufinden, was vegan überhaupt heißt. Ich habe recherchiert, warum Milchsäure vegan sein kann, aber nicht muss. Warum Pilze und damit auch Hefe zwar keine Pflanzen, aber eben irgendwie auch keine Tiere sind — und deshalb durchaus vegan. Und jetzt sitze ich hier bei diesem gemütlichen, etwas altmodischen Italiener und bestelle »Spaghetti aglio, olio e peperoncino«, während sie neben mir auf Tintenfisch, Ente und Penne in Sahnesauce warten und hinter mir ein Kellner steht, der mich heute Nacht noch mit einem Betonklotz an den Füßen in die Fulda werfen wird, weil ich seine Familie beleidigt habe. Ist es das alles wert?

Gerade mal zwei Gerichte habe ich in der ziemlich dicken Speisekarte gefunden, die vegan zu sein scheinen. In allen anderen Gerichten: Fleisch, Sahne, Käse, Eier. Ich stelle mir vor, wie es sein muss, in Italien vegan leben zu wollen, schiebe den Gedanken aber schnell beiseite, als mein Henker einige Crostini als Vorspeise bringt. Ich will schon abwinken, aber zu spät — muss ich den Mozzarella eben runterkratzen. »Sehen Sie, nichts passiert, oder?«, fragt der Kellner, als wir fertig sind. Noch nicht.

Ich werde ziemlich oft der Spielverderber sein

Ich merke an diesem ersten Abend meines Tests, wie hart die kommenden 30 Tage werden. Nicht, weil es mir so schwer fällt zu verzichten, sondern weil ich ahne, dass veganes Leben in Deutschland noch nicht wirklich alltagstauglich ist. Was das Angebot angeht, aber auch, was die Akzeptanz betrifft. Ich werde wohl ziemlich oft der Spielverderber sein in diesem Monat. Das Problem daran? An diesem Tisch, in diesem Restaurant habe ich das Gefühl, als würde ich etwas falsch machen, als sei ich das Problem. Wird das so bleiben?

Als wir das Lokal verlassen, drehe ich mich noch einmal kurz nach dem Kellner um. Er steht da, ganz friedlich, und lächelt mich an. Eigentlich sieht er ganz nett aus. Die kleine verbeulte Stereo-Anlage spielt »Hungry Eyes«.

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