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Aufgeschnappt

Frem­den Men­schen zuzuhören ist ein weit ver­bre­it­etes Hob­by und ein vergnüglich­es noch dazu. Ob im Café oder in der Bahn, im Vorüberge­hen oder im Daneben­sitzen. Und das Handy als mod­ernes Kom­mu­nika­tion­s­mit­tel hat einen Großteil dazu beige­tra­gen, solche Gespräche noch span­nen­der zu machen, hört man doch immer nur eine von zwei Seit­en. Mono­chroms Daten­bank des Vorüber­schre­it­ens bietet ein pri­ma Sam­mel­suri­um von Gesprächs­fet­zen aller Art, sei es zwis­chen Junkies oder Großmüt­tern, ver­liebten Teens oder ver­wirrten Touris­ten. Solche und andere High­lights der deutschen, aber vor allem öster­re­ichis­chen Gespräch­skul­tur lassen sich hier ent­deck­en. Und wie es auss­chaut, sind Neuer­wer­bun­gen gern gese­hen, stammt doch der let­zte Ein­trag bere­its vom Feb­ru­ar 2005.

Lesestoff

Heute ist frisches Mate­r­i­al für mein Bücher­re­gal angekom­men. Die Neuer­schei­n­un­gen »Good­bye Tristesse« von Camille de Tole­do und »Kol­laps« von Jared Dia­mond zieren seit eini­gen Minuten die Bücher­rei­hen. Tole­dos Werk wurde von der Süd­deutschen Zeitung bere­its als Nach­fol­ger von »Gen­er­a­tion Golf« gerühmt, jedoch als lei­den­schaftlich­er und poli­tis­ch­er. Es ist der Ver­such ein­er Rebel­lion, gegen den Kom­merz und das Unwohl­sein inner­halb der kap­i­tal­is­tis­chen Gesellschaft. Über­set­zt wurde das Buch übri­gens von »Zonenkinder«-Autorin Jana Hensel. »Kol­laps« (Unter­ti­tel »Warum Gesellschaften über­leben oder unterge­hen«) zeich­net die Wege nach, die Impe­rien in Rich­tung ihres Unter­gangs beschrit­ten haben. Darauf auf­bauend will uns der Autor mit­teilen, ob wir ein­er ähn­lichen Gefahr aus­ge­set­zt sind oder ob es in unser­er Hand liegt, die Zukun­ft zu bes­tim­men. Auf den ersten Blick mag das nach typ­isch amerikanis­ch­er Sen­sa­tion­slit­er­atur klin­gen, doch einige Stim­men zum Buch machen mehr als neugierig. »Kol­laps hat den Mut, endlich all die span­nen­den Fra­gen zu stellen, die lei­der nur sel­ten laut geäußert wer­den und noch sel­tener beant­wortet wer­den« (Gert Sco­bel, 3Sat Kul­turzeit). Ich bin neugierig, ob Dia­mond Antworten findet.

Hahn auf!

Es gle­icht einem Erd­beben, zumin­d­est für kon­ser­v­a­tive Briten. Mor­gen wird die bish­er auf der Insel einge­hal­tene Sperrstunde offiziell aufge­hoben. Während einige Richter befürcht­en, dadurch werde die Zahl an Verge­wal­ti­gun­gen oder Raub sprung­haft ansteigen und der Lon­don­er Stad­trat kurz­er­hand beschlossen hat, Kun­st­ga­le­rien und Museen der Stadt eben­falls 24 Stun­den geöffnet zu lassen, um ein Konkur­ren­zpro­gramm zu ermöglichen, erweist sich die Neuerung für einige Pubbe­such­er als tat­säch­lich­es, weil logis­tis­ches Prob­lem. Ist doch mit einem fes­ten Zeit­punkt für das »tap toe« (Zapfhahn zu) auch die für rival­isierende Fuss­ball­fans damit ver­bun­dene, immer um 23:30 Uhr stat­tfind­ende Massenkeile in Gefahr. Nun wird man sich entwed­er trotz­dem tre­f­fen und hof­fen, danach trotz blauer Augen und blutiger Nasen wieder Ein­lass in die jew­eili­gen Etab­lisse­ments zu erhal­ten oder die Insel wird ein­fach ein wenig ruhiger. Wahrschein­lich­er ist aber, dass die Zahl der SMS in Großbri­tan­nien zukün­ftig hochschnellen wird.

The Bench

Heute abend eröffnet der Bon­ner Kun­stvere­in seine neue Ausstel­lung »The Bench«, die vom Leit­er der St. Galler Neuen Kun­sthalle, Gian­ni Jet­zer kuratiert wor­den ist. Drei Kün­stler, Phoebe Wash­burn, Katarzy­na Józe­fow­icz und Michael Beut­ler zeigen Instal­la­tio­nen über den Raum, die Zeit und das Sehen an sich. Vier Arbeit­en zwis­chen prag­ma­tisch klein­teilig und mon­u­men­tal raum­greifend. Der Titel der Ausstel­lung ist eine Anlehnung an die Bank in Thomas Bern­hards Roman »Alte Meis­ter« im Wiener Kun­sthis­torischen Muse­um, auf die sich jeden zweit­en Tag der Pro­tag­o­nist Reger set­zt, weil er dort so gut denken kann. Im Bon­ner Kun­stvere­in jedoch ist diese Bank nur noch Meta­pher für eine Rezep­tion von Kun­st, die jen­seits von Zeit- und Ver­ständ­nis­druck funk­tion­iert. Sie ste­ht aber auch für die Ein­ladun­gen, die alle drei vertrete­nen Kün­stler aussprechen. Und doch ist keine der Arbeit­en auf Ver­ständ­nis aus, alle ver­nicht­en ihre Botschaften, bevor sie über­mit­telt wer­den kön­nen. Sie wollen einen Moment gener­ieren, in dem wahre, inten­sive Betra­ch­tung möglich wird. Am Ende wird die nicht vorhan­dene Bank erset­zt durch den Sieg des Sehens über das Weit­erge­hen. Eine Ausstel­lung zum Innehalten.

Status Quo

Die Unesco gewährt dem Köl­ner Dom weit­er­hin den Sta­tus als »Weltkul­turerbe«. Diese Entschei­dung hat das zuständi­ge Komi­tee heute im südafrikanis­chen Dur­ban getrof­fen. Das im 13. Jahrhun­dert begonnene und Ende des 19. Jahrhun­derts fer­tiggestellte Bauw­erk bleibt jedoch weit­er­hin auf der roten Liste der gefährde­teten Wel­terbe-Stät­ten. Somit ist die eigentliche Entschei­dung lediglich vertagt wor­den — in Köln hat man so ein weit­eres Jahr der Unsicher­heit vor sich. Die Aberken­nung dro­ht dem Dom, seit auf der gegenüber­liegen­den Rhein­seite, am Deutzer Ufer, vier Hochhäuser geplant und begonnen wor­den sind, die nach Ansicht einiger Unesco-Experten vor allem den optis­chen Ein­druck der Kathe­drale in Frage stellen. Schon länger mehren sich jedoch die kri­tis­chen Stim­men, zu denen sich auch der Zen­­tral-Dom­bau-Vere­in mit einem offe­nen Brief gesellte. Ein Bauw­erk wie der Köl­ner Dom dürfe nicht aus rein optis­chen Grün­den in sein­er Gesamtbe­deu­tung in Frage gestellt wer­den. Inzwis­chen will die Stadt Köln zur Schlich­tung soge­nan­nte Puffer­zo­nen ein­richt­en, um den freien Blick auf den Dom zu gewährleisten.