Visionen
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Schöpfungsgeschichte 2.0

Am Donnerstag hat am Theaterhaus Jena das Stück »Second Life« Premiere. Der Mensch tut das, was Gott schon einmal vollbracht hat: Er erschafft eine Welt. Erstaunliche Parallelen tun sich auf zur Heiligen Schrift.

Es ist schon imposant, zu was der Mensch alles fähig ist. »Second Life« etwa ist ein hervorragendes Beispiel dafür, wie man mit bescheidenen Mitteln ein Bisschen Gott spielen kann. Einfach mal eine Welt erschaffen. In der Ankündigung des Theaters Jena liest sich das so:

»Hier kriegt Romeo seine Julia, und auf einmal gibt es Arbeit für alle. Der Mensch schafft sich endlich seine (Zweit-)Welt nach eigener Lust und Laune. — Moment! — Hat da nicht schon einmal jemand eine ganze Welt aus freien Stücken erschaffen? Ist das nicht Urzeiten her? Und sogar gleich am Anfang dieses Buches überliefert, das sich Bibel nennt?«

Könnte es nicht sogar sein, dass dieses zweite, virtuelle Leben bereits das dritte ist? Sind wir selbst vielleicht Figuren eines Second Life, ebenso erdacht und erfunden? Und wenn das so ist, was ist dann mit den Figuren im Computer? Schließlich gibt es einige frappierende Parallelen zwischen der Schöpfungs- und der Computergeschichte.

Am Anfang war das Nichts, die Ursuppe, quasi tiefste Schwärze. Der Liebe Gott musste also erst einmal daran gehen, Materie — Nullen und Einsen — zu erschaffen und die Dunkelheit vom Licht zu trennen. Ebenso wie der Mensch die schwarzen von den weißen Pixeln. Er erschuf Himmel und Hölle so wie Steve Jobs Apple gründete und Bill Gates Microsoft. Anfangs waren nur einige seltsam unbewegliche Einzeller unterwegs, Pacman etwa oder die Wesen von Pong. Später erst kamen dann das Tentacle oder Titus the Fox hinzu oder — auf der Stufe des Menschen — Guybrush Threepwood.

Vorerst kein Leben nach dem Tod

floppyDie Tatsache, dass Gott die Welt als Computerspiel erschaffen hat, würde unter anderem auch die Ausdehnung des Universums erklären. Schließlich hat es vor wenigen Jahren auch noch niemand für möglich gehalten, dass es einmal Festplatten mit vielen tausend Megabyte Speicher geben würde. Das Schicksal wäre eine Macht, die ausschließlich aus Programmierfehlern bestünde, überraschende Todesfälle durch Viren oder Systemabstürze wären ebenso erklärbar wie die Tatsache, warum es vorerst kein Leben nach dem Tod geben kann: Denn bis heute hat es noch niemand fertig gebracht, wirklich langlebige Speichermedien zu produzieren. Wie viele Seelen muss der Liebe Gott wohl schon dadurch verloren haben, dass er alte Floppy-Discs nicht mehr lesen konnte? Ob Satan da besser ausgerüstet ist?

Was aber ist unter diesen Voraussetzungen mit den Figuren im »Second Life«, also eigentlich dem »Third Life«? Sind sie ebenso lebendig wie wir? Fühlen und denken sie? Lieben und leiden sie? Sollten wir nicht ein wenig mehr Sorgfalt darauf verwenden, ihnen ein menschenwürdiges Leben zu geben, anstatt sie bloß kopulieren und sinnlose Dinge tun zu lassen? Seit Jahrtausenden hadert der Mensch damit, dass Gott ihn auf Erden einfach alleine schalten und walten lässt. »Second Life« wäre der ideale Ort, es besser zu machen.

Die Schöpfungsgeschichte der Bibel endet damit, dass Gott am siebenten Tage ruht. Das wird sich der Mensch im Zweifel kaum erlauben können. Zumal erst einmal — vermutlich auf einer internationalen Konferenz — geklärt werden müsste, an welchem Tag unserer Schöpfung wir uns gerade befinden. Oder wohl eher, ob wir bei Schöpfungsgeschichte 2.0 sind oder schon bedeutend weiter.

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