Wort & Tat
15 Kommentare

Ich verstehe das nicht

Zwischen den Toten Hosen und Deichkind, irgendwann nach Mitternacht, schickte die ARD gestern einen Reporter für ihren Spartensender EinsPlus über das Gelände von Rock am Ring, der die Aufgabe hatte, zehn Frauen zu finden, die ihm ihre Brüste zeigen.

Absatz.

Ich habe keine rechte Lust, an dieser Stelle die Frage zu diskutieren, warum die Frauen freiwillig vor laufender Kamera blankgezogen haben und ob das einen Unterschied macht. Noch weniger will ich zu Gunsten des Senders und seines Reporters ins Feld führen, dass unter den zehn Frauen auch ein Mann gewesen ist — Sexismus wird nicht dadurch besser, dass er als Witz gemeint ist. Und überhaupt keine Lust habe ich, mir zu überlegen, ob es denkbar gewesen wäre, dass eine Reporterin auf die Suche nach Männern geht, die bei diesem Festival intime Körperteile in die Kamera halten — ganz zu schweigen von der Frage, ob ich verwundert gewesen wäre, einen solchen Einspieler nicht bei der ARD, sondern bei Sport 1 oder RTL 2 zu sehen — oder bei ARTE. All das nämlich führt nur zu billigen Ausreden. Die Atmosphäre eines solchen Festivals sei nunmal aufgeladen, auch sexuell, schließlich passierten dort vor und hinter den Kulissen ganz andere Sachen. Es sei doch sogar lobenswert, dass ein öffentlich-rechtlicher Sender wegkommt von der Prüderie früherer Jahre und — hey! Immerhin überträgt EinsPlus dieses Festival. Was für ein Gewinn! Ein Gewinn aber wäre für mich stattdessen eine Antwort auf die Frage, was für ein seltsamer Sport das ist, eine bestimmte Anzahl an Personen zu finden, die sich für das Fernsehen nackt machen. Ich hätte gerne eine Erklärung dafür, warum ich mir eine solche Berichterstattung gefallen lassen muss, die mich als Zuschauer vereinnahmt und mir Klischees und Geschlechterrollen als selbstverständlichen Teil dessen verkauft, was die Verantwortlichen bei EinsPlus offenbar über ihr Image und ihre Zielgruppe denken. Ich hätte gerne eine Antwort auf die Frage, was für ein_e Redakteur_in sich eine so plump sexistische Idee einfallen lässt, und ich will wissen, was für eine Redaktionskonferenz diese dann auch noch durchwinkt — und: wie die Reaktionen darauf waren. Die Frage, ob ich für so etwas wirklich Rundfunkgebühren bezahle(n muss), erübrigt sich ja leider von selbst.

15 Kommentare

  1. Pascal sagt

    Die Moderatoren von Einsplus waren dieses Jahr allgemein anstrengend. Da vermisst man doch tatsächlich die Zeiten, wo noch MTV von Rock am Ring übertragen.
    Und der Kommentar von Einsplus (»Magst du keine Brüste?«), der auch noch von einem dieser unerträglichen Moderatoren geliked wurde, sagt eigentlich alles aus. Macht den Sender (abseits des Programms) ziemlich unsympathisch. Schade eigentlich. Aber auf Festivals geht’s ja den wenigstens heutzutage wirklich noch um die Musik…

  2. Ich hab zwar schon während der Toten Hosen abgeschaltet, aber in der Tat fehlt bei dem von dir Geschilderten doch ein wenig der öffentlich-rechtliche Auftrag. Ein musikjournalistischer Content wäre angebrachter gewesen.

    • Wie faulit geschrieben hat: »Ich sag nicht, dass man bei einem Festival nicht auch zeigen darf, dass es Leute gibt, die ungewöhnliche Sachen machen (Dreiradfahren, Bierbingo, Brüste zeigen), aber hinzugehen und das aktiv zu suchen… ist eine Beleidigung für die Intelligenz des Zuschauers.«

  3. faulit sagt

    Man sagt immer, wir hätten das Fernsehprogramm, was wir verdienen. Sind wir und ich und alle wirklich so sexistisch und … stumpf? Ich sag nicht, dass man bei einem Festival nicht auch zeigen darf, dass es Leute gibt, die ungewöhnliche Sachen machen (Dreiradfahren, Bierbingo, Brüste zeigen), aber hinzugehen und das aktiv zu suchen… ist eine Beleidigung für die Intelligenz des Zuschauers.

  4. Die Frage, ob ich für so etwas wirklich Rundfunkgebühren bezahle(n muss), erübrigt sich ja leider von selbst.

    Genauso »leider« wie sich die Frage erübrigt ob typische RTL2-Gucker Kabarett-Übertragungen und Bildungssendungen bezahlen müssen.
    Anders argumentiert: Die Sendung wird weder in der Konzeption noch in der Ausführung sonderlich viel Geld gekostet haben. Einen Kerl mit nem Mikrofon und nem Kameramann über ein Festivall zu senden ist eine recht billige (vlt. auch preiswert, aber definitiv billig) Füllung für 5-10min. Von daher habe ich persönlich damit weit weniger ein Problem als mit Fußballübertragungen, Volksmusik oder ähnlichem.

  5. tzweik sagt

    ich (m) habe den »Beitrag« auch gesehen und anscheinend etwas anders empfunden. Ich fand den Beitrag ebenfalls sehr unnütze und er hat auch nicht wirklich zur Berichterstattung gepasst. Aber so schlimm war er doch nun auch nicht wie es hier dargestellt wird. Natürlich ist hier kein Bildungsauftrag vorhanden, aber wenn wir ehrlich sind kann eine Berichterstattung von Rock am Ring überhaupt keinen Bildungsauftrag erfüllen. Außerdem fand ich den Beitrag nach anfänglicher Verwirrung was das jetzt soll dann noch ziemlich interessant, denn man konnte sehen, dass es sogar bei einem solchen Festival überaus schwer ist Menschen zu finden die bereit sind ihre ganzen Brüste in die Kamera zu halten (denn das hat glaube ich nur 1 Frau gemacht, die anderen haben lediglich ein Dekoltee gezeigt was unterschrieben wurde (hätte man mich vorher gefragt hätte ich gesagt man findet mehr)) aus den USA kennt man da viel freizügigere Menschen (auch wenn der interneteindruck hier natürlich täuschen kann)

    Im Grunde wissen wir aber auch alle wie so ein Beitrag ensteht. Da ist ein kleines, relativ junges Team vor Ort und soll Programm machen. Dann sitzen 5 Leute an einem Tisch und sollen Einspieler produzieren und was liegt da näher als wetttrinken, matschbaden oder eben Brüste finden. Und warum sie Brüste suchen und keine männlichen Genitalien (nichts anderes würde ja sinn machen) ist vermutlich auch Dir klar. Übrigens meine ich solche »Suchwettbewerbe« schon früher bei DasDingTV im SWR gesehen zu haben. Ein Einzelfall ist es jedenfall nicht (was aber auch nicht besser macht).

    Und zum Schluss bleibt mir lediglich noch zu sagen, dass mich dieses ewige genörgel an Gebührengelderverschwendung nervt (Kritik ist aber natürlich trotzdem erlaubt :), man sollte sich das anschauen was einem gefällt und sich dann sagen, dass meine Gebühren in genau diese Sendung geflossen sind. Andernfalls hast du in diese Sendung vermutlich ca. 0,0000001 Cent in diese Sendung investiert und das tut Dir ja auch nicht weh (mal ganz abgesehen von Fussball, da reg sogar ich mich dann auf oder diese ewigen Talksendungen die pro minute mehrere 1000 Euros kosten sollen).

    • Ich habe einige Fässer bei meinem Text bewusst nicht aufgemacht, darunter die Frage, warum Frauen bei so etwas mitmachen (wozu auch die Gegenfrage gehören würde, warum sie es nicht tun) und die Gebührendebatte. Das Problem an diesem Einspieler ist in meinen Augen gewesen, dass er Sexismus eben so scheinbar harmlos verpackt, dass mensch aus Reflex denkt, das Ganze sei ja nicht so schlimm. Charmanter Reporter, passendes Umfeld, was soll da schon böse dran sein? Auch ich ertappe mich oft dabei, so zu reagieren, eigentlich aber will ich das nicht. Ebenso wenig, wie Sexismus durch Humor besser wird, wird er dadurch besser, dass er nicht erkannt wird oder dadurch, dass Menschen ihn dulden oder — wie hier — unterstützen. Das war das, was ich mit vereinnahmen meine. Der Beitrag hat auf meinen Reflex gesetzt, ihn harmlos und witzig zu finden — und dagegen will ich mich wehren. Zur Gebühren‑ und Bildungsauftragsfrage nur so viel: Im Auftrag des SWR, der EinsPlus verantwortet, stehen eine ganze Menge Punkte, in die Rock am Ring perfekt passt. Bildung ist da nur einer von vielen. Im Leitbild des Senders aber stehen auch viele wohl klingende Begriffe wie »Integration«, »Diversity Management«, »Offenheit und Toleranz« oder »soziale Verantwortung«. Von einem Sender mit einem solchen Selbstverständnis erwarte ich, auch wenn Sexismus im Leitbild nicht eigens erwähnt wird, dass er Beiträge wie diesen nicht zulässt.

    • Mit etwas Glück verstehen wir sie ein wenig besser, wenn der SWR etwas dazu sagt. Über Twitter kam bislang soviel: »Pressestelle hatte bereits Redaktion kontaktiert. Entschuldigung: Niemand sollte brüskiert, nur ›Wildheit‹ vermittelt werden.«

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.