Wort & Tat
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Jenseits von Eden ist das Paradies

Ich mag all diese — manch­mal etwas schiefen — Loblieder auf das Inter­net, die in let­zter Zeit gesun­gen wer­den, diese geblog­gten Parolen für dig­i­tale Demokratie, diese getwit­terten Slo­gans für unbändi­ge Kom­mu­nika­tion, für die all­ge­gen­wär­tige Ver­net­zung. Ich glaube an das Inter­net, schließlich lebe ich mit dem Inter­net, für das Inter­net, im Inter­net. Und doch mis­straue ich ihm.

Das Prob­lem? Das Netz kann nicht selb­ständig denken, es han­delt nicht, eigentlich tut es sog­ar gar nichts. Das Inter­net wird, wenn schon nicht ges­teuert, so doch gefüt­tert, es wartet den lieben lan­gen Tag darauf, dass jemand kommt und mit ihm spielt. Das übernehmen Men­schen. Und denen mis­straue ich schon aus Prinzip. Diese Skep­sis rührt vor allem daher, dass Men­schen Schwierigkeit­en damit haben, die Kon­trolle zu behal­ten. Nein, sie sind sog­ar unfähig, die Kon­trolle zu behal­ten, erst recht, wenn es um etwas so Unkon­trol­lier­bares geht wie das Inter­net. Oder die inter­na­tionalen Märk­te. Oder, spätestens ab 80, den eige­nen Urin. Und: Men­schen sind selb­st in ein­er Demokratie nicht demokratisch. Wie soll es da das Inter­net sein?

Nun aber wollen mir immer wieder Men­schen die Geschichte verkaufen, das Inter­net sei das näch­ste große Ding, in Sachen Poli­tik, in Sachen Kom­mu­nika­tion, in Sachen Über­haupt. Und ich mag diese Geschichte. Ich höre sie mir immer wieder an, ger­ate ins Träu­men, Schwär­men, Sab­bern. Doch wenn ich wieder klar im Kopf bin, sehe ich, dass es da einen Hak­en gibt. Und dieser Hak­en ist die Zeit.

« ‹Meine Liebe, wir leben in ein­er Über­gangszeit›, sagte Adam, als er Eva aus dem Paradies führte.» Das Prob­lem der bei­den: Sie kon­nten nicht im Paradies und in der Welt leben. Der Men­sch von heute aber kann das, sozusagen. Gle­ichzeit­ig online und offline leben. Für ihn ist jen­seits von Eden das Paradies. Und auch er lebt in ein­er Über­gangszeit. Nur: Solange Poli­tik noch immer auf der Straße gemacht wird, Kom­mu­nika­tion immer noch zwis­chen Men­schen stat­tfind­et und man zum Sch*** immer noch auf die Toi­lette gehen muss, ist es wichtig, diese Chance zu nutzen. Die Chance, in zwei Wel­ten zu leben. Diejeni­gen, die jet­zt schon (echte) Poli­tik im Netz machen, dür­fen die Straße nicht vergessen, bloß, weil die Straßen­poli­tik­er das Netz links liegen lassen. Diejeni­gen, die mit und im und für das Inter­net kom­mu­nizieren, dür­fen nicht vergessen, dass sie das meist immer noch mit Men­schen tun. Selb­st, wenn das irgend­wann ein­mal Wirk­lichkeit wer­den sollte, selb­st, wenn irgend­wann das Netz stärk­er ist als die Real­ität. Irgend­wann ist nicht jet­zt. Auf ein Irgend­wann muss man hinar­beit­en. Die schwedis­che Piraten­partei etwa dürfte unter anderem auch deshalb so erfol­gre­ich sein, weil sie genau das tut. Und ein Großteil der deutschen Poli­tik­er dürfte bei der «Gen­er­a­tion C64» auch deshalb keine Schnitte haben, weil sie im Netz so dilet­tan­tisch agiert.

Schaut man sich im Inter­net um, kön­nte man zu der Überzeu­gung sein, es sei schon alles erre­icht. Oder zumin­d­est vieles. Artikel, die sich kri­tisch mit dem Netz, mit Blogs oder Twit­ter auseinan­der­set­zen, wer­den regelmäßig von wüten­den Kom­mentaren begleit­et. Ganz gle­ich, ob bei der Zeit, bei Spiegel, der FAZ, der taz oder dem Fre­itag — die Zahl der net­zaffinen Kom­mentare ist über­all deut­lich höher als die der net­zkri­tis­chen. Mit Sicher­heit jedoch sieht es auf der anderen Seite anders aus. Mit Sicher­heit haben die Leser­briefe, die zu diesem The­ma bei den Zeitun­gen einge­hen, einen anderen Tenor. Mit Sicher­heit wür­den Straßenum­fra­gen ein kon­träres Bild zu Onlineum­fra­gen ergeben.

Vielle­icht wird irgend­wann der Tag kom­men, an dem man nicht mehr unter­schei­den muss zwis­chen Netz und Real­ität. Ein Tag, an dem bei­des zusam­menge­hört. Ich freue mich auf diesen Tag. Heute aber sieht so manch­es Cyber-Café immer noch so aus wie auf dem Bild. Ich stelle mich auf eine harte Geduld­sprobe ein.

Bei all dem, was das Inter­net sein soll und kann, geht es schließlich um Überzeu­gun­gen. Und diejeni­gen, die das Inter­net nur als notwendi­ges Übel sehen, als Hil­f­s­mit­tel oder sog­ar als Klotz am Bein, wer­den sich nicht überzeu­gen lassen, wenn man ihnen nicht per­sön­lich gegenüber­tritt und mit ihren Mit­teln kom­mu­niziert. Eine beliebte philosophis­che Frage lautet: «Wenn im Wald ein Baum umfällt, und kein­er ist da um das zu hören, gibt es dann ein Geräusch?» Zu so manchem Net­zphänomen ließen sich ähn­liche Fra­gen stellen.

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Hello – my name is Florian. I'm a runner and blazing trails for Spot the Dot — an NGO to raise awareness of melanoma and other types of skin cancer. Beyond that, I get lost in the small things that make life beautiful: the diversity of specialty coffee, the stubborn silence of bike rides, and the flashes of creativity in fashion and design. Professionally, I’m an organizational psychologist and communication practitioner, working where people, culture, and language shape how change actually lands. When I’m not doing that, you’ll find me behind the bar at Benson Coffee in Cologne — quality-driven, proudly nerdy.

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  1. baltasar says

    Ich teile deine Gedanken. Es wird sich nicht viel verän­dern, wenn die net­zaffinen The­men und Mei­n­un­gen sich nicht auf der Strasse man­i­festieren, solange die Wirk­lichkeit in der Mehrheit der Köpfe nur auf der Offline-Ebene stat­tfind­et. Ich glaube aber daran, dass die Net­zge­meinde es schaf­fen kann, diese Ebene zu beset­zen, auch wenn man dann mal definieren müsste, was das Netz oder die Net­zge­meinde eigentlich aus­macht. Denn so Vielfältig wie das Inter­net ist, so vielfältig sind auch die Mei­n­un­gen, auch wenn es momen­tan so aussieht, als sprächen wir alle mit ein­er Stimme.

    Diese Vielfältigkeit und über­haupt die Möglichkeit, so viele unter­schiedliche Gedanken artikulieren zu kön­nen ohne das sich das Netz selb­st auflöst, sind gle­ichzeit­ig die Stärken dieser Netzgemeinde.

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