Author: Trotzendorff

Schweigen im Walde

Noch etwa einen Monat müssen wir alle so selt­same Wesen wie Figaro, den ver­rück­ten Frosch, Schnap­pi oder Tweety ertra­gen. Dann ist Schluss mit der Klin­gel­ton­wer­bung auf MTV und Viva. Zu schön, um wahr zu sein? Nein, die Musik­sender pla­nen tat­säch­lich eine Sper­rzeit für solche Spots, zwar nur für die Haupt­sendezeit zwis­chen 16 und 24 Uhr, aber immer­hin. Es scheint, als wären die finanziellen Erträge nicht hoch genug gewe­sen, um den anscheinend enor­men Imageschaden zu deck­en, den sich MTV und Co. einge­han­delt haben. Aber wird die Jugend Deutsch­lands nun erle­ichtert sein, oder Sturm laufen? Schließlich hat es ein Teil der bewor­be­nen Pro­duk­te sog­ar schon in die Charts geschafft. Und Pub­likum­slieblinge aus dem Pro­gramm zu nehmen, ist ja bekan­ntlich nicht immer unge­fährlich. Nach­trag: So eben, nach einigem weit­eren Stöbern lese ich fol­gen­des: Na danke Ihr Lieben! Viva liebt Dich nicht mehr…!

Do the Potemkin

Heute abend wer­den in der Alten Oper in Frank­furt so einige Men­schen staunen. Staunen darüber, was möglich ist, wenn altes Zel­lu­loid und neue Ideen zusam­men­tr­e­f­fen. Und staunen darüber, wie kreativ die Pet Shop Boys sein kön­nen. Dann näm­lich feiert dort ihr neues Pro­jekt Pre­miere: Gemein­sam mit den Dres­d­ner Sin­fonikern haben sie den Stumm­filmk­las­sik­er »Panz­erkreuzer Potemkin« (1925) des sow­jetis­chen Regis­seurs Sergei Eisen­stein neu ver­tont, der allein schon wegen der welt­berühmten Trep­pen­sturzszene in jede VHS- oder DVD-Sam­m­lung gehört. Was nun Neil Ten­nant und Chris Lowe musikalisch aus dem 80 Jahre alten, aber immer noch mod­er­nen Streifen machen, darauf darf man ges­pan­nt sein. Mor­gen sind sie zu Gast auf dem Muse­um­splatz in Bonn, weit­ere Ter­mine sind für Son­ntag auf der Muse­um­sin­sel Berlin und für Mon­tag im Ham­burg­er Stadt­park ange­set­zt. Do the Potemkin …

The Big Easy

New Orleans war ein­mal eine lebenslustige Stadt. Musik, Men­schen, Touris­mus, Kul­tur. Nun liegt sie unter Wass­er, die vor­mals fröh­lichen Men­schen plün­dern, verge­walti­gen, mor­den, ster­ben, veg­etieren dahin. Dabei kam die Katas­tro­phe alles andere als uner­wartet. Seit Jahren haben Experten vor einem solchen Hur­rikan und der fol­gen­den Flut gewarnt, einzig man hat nicht auf sie hören wollen. Und nun muss die Bevölkerung alleine sehen, wie sie das Dra­ma bewältigt, während Herr Bush hüb­sche Reden schwingt. 250.000 Sol­dat­en sind im Nahen Osten sta­tion­iert und im Süden Amerikas herrscht die blanke Anar­chie. New Orleans wird nie mehr sein wie noch vor eini­gen Tagen, vielle­icht wird die ganze Stadt auch ein­fach abgeris­sen. Schon ste­hen die Ersten Schlange, um Spende­nak­tio­nen ins Leben zu rufen, das Chaos wird medi­al aus­geschlachtet. Bei allem Grauen bietet New Orleans dieser Tage die per­fek­te Bühne für die großen Selb­st­darsteller. Wie sagte eine Kon­gress­ab­ge­ord­nete im Fernse­hen: »Shame, shame on Amer­i­ca«. The Big Easy bedeutet eben nicht nur »Die große Leichte«, son­dern auch »Der große Leichtsinn«.

Sankt iPod

Was auf so manchen iPod kommt, muss und will man gar nicht unbe­d­ingt wis­sen. Eine inter­es­sante Vari­ante zu gerippten MP3-Dateien und schlüpfrigen Hör­spie­len kommt nun jedoch aus den USA: God­cast­ing heißt der neueste Trend, der von eini­gen inno­v­a­tiv­en Kirchenge­mein­den aus­gelöst wurde. Religiöse oder spir­ituelle Inhalte, kosten­los aus dem Inter­net beziehbar und immer und über­all ver­füg­bar. Das Ave Maria im Super­markt, einen Rosenkranz in der U‑Bahn, eine kleine Andacht in der Mit­tagspause. Kri­tis­che Stim­men sehen solche Ange­bote als Reli­gion aus der Kon­serve, in den USA jedoch boomt der Markt. Nun bleibt nur noch abzuwarten, ob sich die neuen Ange­bote auch in Europa durch­set­zen wer­den. Möglich wären ja nicht nur Predigten, Gebete oder Gesänge, son­dern auch so prak­tis­che Dinge wie Beicht­en und Ablasserteilun­gen auf Vor­rat, Grabre­den via MP3 oder — in drin­gen­den Fällen von Abwe­sen­heit — auch der Hochzeitss­chwur des Ehe­gat­ten auf dem iPod …

Blümchensex

Pornografie und Kun­st kön­nen eng beieinan­der liegen (Näheres dazu gerne, sobald meine Mag­is­ter­ar­beit fer­tig ist. Wer mag, der google doch mal nach “Elke Krystufek”). Nun aber schei­den sich wieder ein­mal die Geis­ter. Kann Sex ohne Kör­p­er pornografisch sein? Diese Frage stellt die Inter­net­seite beautifulagony.com, auf der kurze Videos, bzw. für den unangemelde­ten Gast Screen­shots von Men­schen beim Orgas­mus zu sehen sind. Der Clou: Man sieht nur die Gesichter. »Ein echt­es Gesicht und echte Orgas­men — das ist das pure Gegen­teil von Porno«, erläutert Richard Lawrence, Mit­be­grün­der der Site. Vor allen Din­gen aber stellt die Seite die Mech­a­nis­men der klas­sis­chen, zumin­dests pro­fes­sionellen Pornogen­res auf den Kopf. Men­schen wie Du und ich sind es, die da vor laufend­er Kam­era kom­men. Und beau­ti­­fu­lagony-User »Flesh­bot« hat mit »neo­porn« auch gle­ich einen Begriff für diese neue Art der Sexver­mark­tung gefun­den, die immer­hin erst ab stolzen 14,95$ zu haben ist.