Macht & Geld
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Der Teufel ist ein Eichhörnchen mit Lohntüte

Doch, ich mag diesen Mindestlohngedanken. Klingt gut, nach Gerechtigkeit, nach menschenwürdigen Arbeitsbedingungen. Zwar auch ein bisschen nach Weltverbesserertum, aber das nur am Rande. Trotzdem kann ich mit einem gesetzlich geregelten Mindestlohn, zumindest für alle Beschäftigten, nichts anfangen. Es sträubt sich in mir. Nicht, weil ich glaube, dass er sich nicht durch- und umsetzen ließe, wie etwa das bedingungslose Grundeinkommen, das eine Utopie für Tagträumer bleibt. Nein, ein Mindestlohn wäre machbar und mit Sicherheit für viele betroffene Beschäftigte ein Segen. Aber er würde auch Opfer fordern. Keine volkswirtschaftlichen vielleicht, aber idealistische. Er würde Nischen bedrohen.

Bevor ich auch nur annähernd daran gedacht habe, schreibend mein Geld zu verdienen, habe ich das radelnd getan, als Fahrradkurier. Neun Jahre hab ich für Apotheken, Reisebüros und Anwaltskanzleien Zeugs durch die Gegend gefahren, es war — nicht nur rückblickend — einer der schönsten Jobs der Welt. Und mit Sicherheit der schlechtbezahlteste. Nicht selten bin mit einem Stundenlohn von drei Euro nach Hause gekommen, an manchen Tagen dürfte es sogar nur die Hälfte gewesen sein, an meinem besten Tag habe ich in neun Stunden 180 Mark verdient. Inklusive Trinkgeld. Aber ich habe meine Arbeit geliebt, ebenso wie die kleine Klitsche, für die ich gefahren bin. Mit ein bisschen cleverem Marketing hätten wir den Lohn sicher verdoppeln können, und es gab und gibt durchaus auch unter Kurieren immer wieder Diskussionen, für wieviel es sich lohnt, auf’s Rad zu steigen. Da aber geht es um Stolz, nicht um Würde. Doch ob wir im Durchschnitt auf 7,50 Euro gekommen wären? Ein Mindestlohn hätte im Zweifel mehr als die Hälfte der zeitweise 20 Fahrer ihren Job gekostet. Einen Job, bei dem es manchmal sogar Nebensache war, was am Ende des Tages in der Kasse lag. Und für den Rest wäre es nicht mehr derselbe gewesen.

Das mag nach Sozialromantik klingen, obwohl an dieser Arbeit nur selten etwas romantisch war. Dies ist eine Seite der Arbeitswelt, von der man nur selten etwas hört. Dieser Laden, den es inzwischen seit mehr als 20 Jahren gibt, wäre heute wohl pleite oder verkauft, hätte er Mindestlöhne zahlen müssen. Und ich hätte nicht neun Jahre mit solch einem Traumjob Geld verdienen können. Es war nicht genug, aber ich habe meinen Job gelebt. Es war jeden Kilometer wert, jeden Cent, jede Minute. Manchmal wünsche ich mir diese Zeit zurück. Trotz des Stundenlohns.

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