Wort & Tat
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Justin Bieber, die Bild und ich

Als ich das erste Mal von Klout hörte, war ich begeis­tert. Endlich würde mir mal jemand sagen, was das alles wert sei, dachte ich. Jemand, der mir klar macht, was mir Face­book, Twit­ter & Co. wirk­lich brin­gen — schwarz auf weiß in ein­er ein­deuti­gen Zahl: dem Klout-Wert. Und dann musste ich mich noch nicht ein­mal anmelden für diesen großar­ti­gen Dienst. Klout kan­nte mich schon, hat­te mich schon eine zeit­lang beobachtet und längst begonnen, mich zu bew­erten. Eine 35 stand da in meinem Pro­fil, und ich wurde ehrgeizig. Bis 100 reicht das Klout-O-Meter.

Alles, was ich anfangs tun musste, war, weit­ere Dien­ste mit Klout zu verknüpfen — Foursquare, Insta­gram, Flickr — und weit­er zu machen wie bish­er. Daneben verteilte ich +K (eine Art Sternchen für fleißige Social-Media-Arbeit) und bekam die ersten selb­st, und jede Mel­dung beim Ein­loggen spornte mich mehr an. Mal war mein Klout-Wert um 0,2 gestiegen, mal um 0,1 gefall­en, mal gle­ich geblieben. Warum? Ich wusste es nicht. Doch ganz langsam ging es bergauf, ganz langsam stieg meine Online-Reputation.

Dann, nach etlichen Monat­en, kam der Tag, an dem mein Herz einen Sprung machte — genau wie mein Klout-Wert. Über Nacht war er auf unglaubliche 54 Punk­te gek­let­tert. Irgen­det­was hat­te Klout wohl an seinem Algo­rith­mus verän­dert, ohne dass mir jemand erk­lären kon­nte, was oder warum. Aber ich fühlte mich gut, ich fühlte mich erfol­gre­ich, und mit einem Schlag war alles, was ich twit­terte, postete oder insta­gramte, noch bedeu­ten­der. So ähn­lich mussten sich Promis fühlen, wenn sie das erste Mal in der Bild oder der Gala, bei Exk­lu­siv oder Promi­nent auf­taucht­en, dachte ich kurz.

Wenige Tage später sah ich einige dieser Promis im Fernse­hen, doch wie so oft fühlte ich, statt sie zu benei­den, Mitleid mit ihnen. Einige hat­ten ger­ade eine gute Zeit, sie waren erfol­gre­ich, hüb­sch oder bei­des, und sie wur­den dafür aus­führlich gelobt. Andere aber macht­en ger­ade eine schwere Phase durch — sie waren hüb­sch, erfol­gre­ich oder bei­des, und sie wur­den dafür öffentlich demon­tiert. Warum? Ich wusste es nicht. Die Bild und die Gala, Exk­lu­siv und Promi­nent — sie ver­rat­en ihren Algo­rith­mus nicht.

Bei Klout indes ging es auf und ab, nicht nur für mich. Während mein Wert kür­zlich stark gestiegen war, waren andere in dieser Zeit abgestürzt. Deut­lich promi­nen­tere Men­schen als ich (mehr Freund_innen, mehr Follower_innen, mehr May­or­ships) hat­ten 20 oder mehr Punk­te ver­loren. Ein Debakel.

Ich aber begann, den Klout-Wert, der »steady« bei 54 lag, zu beobacht­en. Mal postete ich bewusst viel, suchte neue Face­book-Fre­und_in­nen, sam­melte Follower_innen und May­or­ships und merk­te: Der Wert sank, um 0,3. In anderen Wochen ver­hielt ich mich ruhig, blieb im Hin­ter­grund, schrieb vielle­icht mal eine Reply oder einen Kom­men­tar und stellte fest: Der Wert stieg, um 0,1.

Ich dachte wieder an die Promis im Fernse­hen, die ich gese­hen hat­te, und an ihr Bemühen, mit den Medi­en klar zu kom­men. Hier mal ein Foto zulassen, dort mal ein Inter­view, zwei Wochen Rück­zug auf die eigene Insel, dann wieder wochen­lang jeden Tag auf dem Roten Tep­pich. Ein Rezept, um dauer­haft gut wegzukom­men, merk­te ich, gab es nicht. Die Bild und die Gala, Exk­lu­siv und Promi­nent — sie ver­rat­en ihren Algo­rith­mus nicht. Sie verteilen noch nicht ein­mal einen Klout-Wert.

Ich aber hat­te einen solchen Wert, und ich ver­stand ihn nicht. Schlim­mer noch, ver­suchte ich trotz­dem, ihm gerecht zu wer­den, ihn bloß nicht zu stark sinken zu lassen, mit allen Mit­teln, hat­te ich doch inzwis­chen erfahren, dass dieser Wert irgend­wann sog­ar ein­mal rel­e­vant für Per­son­alentschei­dun­gen wer­den kön­nte. Ich verteilte +K, so viele ich hat­te, ich guck­te jeden Tag nach, ob Klout nicht noch weit­ere Net­zw­erke imple­men­tiert hat­te, die ich mit meinem Pro­fil verknüpfen kon­nte, und immer hat­te ich ein Auge auf meinen Punk­te­s­tand, auf die Kurve meines Klout-Werts, die sich dahin­schlän­gelte wie der Deutsche Aktienin­dex — und für mich ähn­lich durch­schaubar war.

Immer wieder in dieser Zeit stellte ich fest, dass ich nicht alleine war mit meinem Unbe­ha­gen. Nie­mand schien Genaueres über Klouts Algo­rith­mus zu wis­sen, über die Moti­va­tion des Unternehmens, doch viele, Aber­tausende, ori­en­tierten sich an dieser kleinen Zahl, die ihnen zugewiesen wurde. Wir alle hat­ten unseren Platz in der Ran­gord­nung, mal weit­er unten, mal weit­er oben, nur ganz an die Spitze würde es keine_r von uns je schaf­fen. Da stand unange­focht­en der König des Klout-Werts — Justin Bieber.

Auch er hat­te ver­mut­lich keinen blassen Schim­mer, wie es zu seinen 100 Punk­ten gekom­men war. Doch eben­so wenig wird er ver­ste­hen, warum er eines Tages — wenn auch nur eine zeit­lang — von den Medi­en fall­en gelassen wer­den wird — für eine Kleinigkeit vielle­icht, vielle­icht auch für einen Skan­dal, vielle­icht, weil sich das Sys­tem lang­weilt mit Men­schen, deren Kurve immer nach oben zeigt, vielle­icht auch ein­fach nur, weil sich der Algo­rith­mus geän­dert hat, den er nicht kennt.

Justin Bieber und ich hat­ten bis vor kurzem einiges gemein­sam. Ein undurch­sichtiges Sys­tem, das uns ein­fach geschluckt hat­te, ohne zu fra­gen, und von dem wir bei­de abhängig waren zum Beispiel, einen Mark­twert — und eine gefühlte Rel­e­vanz. Doch es gab auch einen entschei­den­den Unter­schied: Ich hat­te die Möglichkeit zum Opt-Out.

1 Comment

  1. Frank says

    Also diesen Klout-Kram find ich auch über­flüs­sig. Bis vor kurzem war ja auch Justin Bieber danach wichtiger als der POTUS. Nun­ja. Mit­tler­weile hat sich das zwar geän­dert, aber welche tat­säch­liche Rel­e­vanz dieser komis­che Wert haben soll, hat mir immer noch kein­er gesagt.

    Man muss nicht jeden Trend mit­machen, glaube der Quatsch ver­schwindet rel­a­tiv schnell wieder. ;-)

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