Körper & Geist
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In die Röhre geguckt

Röntgenaufnahme eines Knie-Gelenks

Dass die Untersuchung in einer Senior*innenresidenz stattfindet, ist ein sympathischer Wink des Schicksals. Ich fühle mich zwar noch nicht alt, aber wenn einmal was mit dem Knie ist, kann das ja nicht mehr so lange dauern. Wo der Schmerz denn sitzen würde, fragt mich die Assistentin. »Hier, links außen meistens«, sage ich. »Manchmal aber auch hier unten drunter«. Sie guckt etwas skeptisch, dann schiebt sie mich in die Röhre.

An dem petrolfarbenen SIEMENS-Logo über meinen Kopf hängen zwei weiße Flusen, eine am »I« und eine am zweiten »E«. Ich will sie abzubbeln, aber das mache ich nicht — ich darf mich nicht bewegen. Dafür bewegen sich die Flusen, immer dann, wenn ein leichter Luftzug durch’s Zimmer weht. Auf dem Display darunter steht: »Neuer Patient registriert«. Und: »TrXr 15 — Spine 32«.

Die kabellosen Kopfhörer, die mir die Assistentin in die Hand gedrückt hat, sehen aus, als seien sie von Sennheiser. »Gute Wahl«, denke ich noch und: »Bestimmt Bluetooth«. Doch dann merke ich: Ist nichts mit Musik, die sind nur zum Schallschutz da. Wenige Sekunden später weiß ich auch, warum.

»Die Bögen mit den Fotos erinnern mich an die Kontaktabzüge, die ich früher mit meiner Schwester im Keller gemacht habe. Schwarzweiß sind sie auch.«

Die Liege, auf der ich es mir so bequem gemacht habe, wie es die Schaumstoffunterlagen zulassen, ruckelt kurz — dann geht die Welt unter. Ein Wummern und Brummen, das ich nicht orten kann, sekundenlanger, ohrenbetäubender Lärm. Dann wieder Ruhe. Nach einer kurzen Pause geht es weiter. Im Staccato-Modus erzeugt die riesige Apparatur »starke Magnetfelder und magnetische Wechselfelder im Radiofrequenzbereich«, so lese ich es später nach. Und während meine Ohren sich wundern, werden dadurch in meinem Körper bestimmte Atomkerne »resonant angeregt« — meistens die Wasserstoffkerne. Klingt lustig, fühlt sich aber an, als läge ich mitten in einer Baustelle auf dem Asphalt, gleich neben dem Presslufthammer.

Nach gut zehn Minuten beginne ich mir zu wünschen, dass Paul Kalkbrenner nie eine MRT braucht. Ich habe Angst vor der Musik, die er aus all diesen Geräuschen machen würde. Mal ein wummernder Bass wie im herrlichsten 90er-Jahre-Techno, mal ein sirrendes, metallisches Rattern, mal ein schleifendes Geräusch, als würde ein Dutzend Zahnarzt-Bohrer im Akkord arbeiten. Noch mal fünf Minuten, dann ist alles vorbei.

Dem Arzt und seiner Assistentin bin ich als Mensch glaube ich ziemlich egal. Mein Orthopäde hat sich wenigstens noch für mich interessiert, er hat zugehört und aufmunternd genickt, als ich über das Laufen geredet habe, über den nächsten Marathon, meine Schuhe. Diese beiden reduzieren mich auf meinen Körper. Auf mein Knie. Von dem bekomme ich nach dem kurzen Aufenthalt in der Röhre wenigstens hochauflösende Bilder — scheibchenweise hat die Maschine es durchleuchtet und abgelichtet. Die Bögen mit den Fotos erinnern mich an die Kontaktabzüge, die ich früher mit meiner Schwester im Keller gemacht habe. Schwarzweiß sind sie auch. Und eine CD gibt mir der Arzt mit. Hat mein Knie gesungen? Dann könnte ich Paul Kalkbrenner eine Kopie schicken.

Nur eine Ahnung, was mit dem Knie sein könnte, haben weder der Arzt noch seine Assistentin. Es ist gesund. Haben wir wohl alle drei in die Röhre geguckt an diesem Tag.

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