Körper & Geist
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Nicht nach vorne, nach oben!

Ver­trauen Sie sich selb­st? Ich frage deshalb, weil ich seit einiger Zeit immer wieder vor dem sel­ben Prob­lem ste­he. Zum ersten Mal vor vielle­icht sechs Wochen, in 15 Metern Höhe, hän­gend in der Wand. Am Klet­ter­gurt: Mein erster eigen­er Knoten. Selb­st zusam­menge­frimelt, auf den ersten Blick solide. Auf den zweit­en auch.

(Selbst)Vertrauen? Nicht die einzige Frage, die man sich zwis­chen Boden und Hal­len­decke, in diesen vielle­icht drei, vier Minuten stellen kann. Und doch, der Spiel­raum im Kopf ist begren­zt. Auf den näch­sten Griff, den näch­sten Tritt, die langsam über­säuern­den Muskeln, die schmerzen­den Füße. Kein Gedanke wird da ver­schwen­det an die Redak­tion, den noch unfer­ti­gen Artikel, das vollgestellte Spül­beck­en und den unerledigten Anruf. Stattdessen: die Wand im Kopf. Freiheit.

Anstatt nun seichte Vorsätze zu fassen, Nägel mit Köpfen gemacht. Schuhe gekauft, einen Klet­ter­gurt, einen lächer­lich schmalen Kara­bin­er, der aber tat­säch­lich das Gewicht eines men­schlichen Kör­pers hal­ten kön­nen soll, ein Sicherungs­gerät. Einen Kurs besucht und ein­weisen lassen, Sturzübun­gen gemacht und abge­seilt, Ziele gesteckt für 2010, einen Klet­ter­part­ner gefun­den. Es ist nicht die Zeit für Ankündi­gun­gen und Halb­herzigkeit­en. «Das neue Jahrzehnt ist das Jahrzehnt der freien Entschei­dung eines jeden okayver­di­enen­den Bürg­ers in den wohlhaben­den Indus­trien­atio­nen», schreibt Peter Unfried in der FAZ. «Mein Brud­er. Ich. Sie. Wir entschei­den uns: für Lebensstil­ver­ant­wor­tung. Für Kli­makul­tur. Für Klimapoli­tik. Für Aktion. Oder ganz bewusst dage­gen.» Ich entschei­de mich dafür. Für Ökostrom und zwei neue Zeitschriften­a­bos, für Sport und einen klaren Kopf. «Das Gehirn ist der wichtig­ste Muskel beim Klet­tern», sagte Wolf­gang Gül­lich. Schon heute weiß ich, dass er Recht hatte.

Und doch ist Klet­tern auch eine Frage des Gefühls, es ist ein klein­er Aus­flug in die Kind­heit. Einst auf Bäu­men, auf Felsen, auf Spielplätzen gek­let­tert, jet­zt an der senkrecht­en Wand, am Über­hang, wenn auch nicht mehr so unbe­darft, so sor­g­los. Klet­tern ste­ht für Tech­nik vor Kraft, für die unbe­d­ingte Absicherung und das Ver­trauen ineinan­der, für das bewusste Abschal­ten von Rou­ti­nen, für das Über­denken jedes einzel­nen Hand­griffs, jeden Schritts. Alles, was dem All­t­ag so oft ver­loren geht. 2010 wird ein gutes Jahr.

4 Comments

  1. Ach, Trotzen­dorff,

    wie ich dich beneide…
    Früher war ich auch mal schwindel­frei, hab mich in Graubün­den wilde Felsen hin­abge­seilt — aber im fort­geschrit­te­nen Alter ?
    Geht man da nur noch auf Num­mer sich­er ? Hat man das Ver­trauen ver­loren, in sich und andere ?
    Wie gerne wäre ich wieder ein unbeschw­ert klet­tern­des Kind.

    Wün­sch dir ein gutes Jahr 2010.

  2. Danke für die guten Wün­sche, das­selbe wün­sche ich Dir auch. Inter­es­san­ter­weise sagen die Klet­ter­lehrer ja, dass dieser Sport ger­ade für Men­schen mit Höhenangst sehr gut geeignet ist. Warum also nicht auch dann, wenn man «im fort­geschrit­te­nen Alter» noch etwas Ver­trauen zurück­gewin­nen will?

  3. Selb­stver­trauen, sich selb­st ver­trauen? Wer kann das in der heuti­gen Zeit eigentlich noch. Nor­maler­weise wird man aus den Medi­en und seinem per­sön­lichem Umfeld so mit Neg­a­tivem bom­bardiert, dass man über­legt ob es sich über­haupt lohnt aufzuste­hen. Wenn man sich dann erst mal dazu durchgerun­gen hat, dann über­legt man als Näch­stes, wann man sich wieder hin­le­gen kann. Das Selb­stver­trauen kann man also nur aus solchen Sit­u­a­tio­nen also hän­gend zwis­chen Hal­len­decke und dem 15 Meter darun­ter­liegen­den Boden schöpfen. Oder auch nicht ;-)

  4. Sabine says

    Super geschrieben, Klet­tern ist ein ein­tauchen in die Kind­heit :-) »Das Gehirn ist der wichtig­ste Muskel beim Klet­tern« Wie wahr! Klet­tern sollte an Schulen ein fes­ter Bestandteil im Sportun­ter­richt sein!

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