Leben
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Tauschgeschäfte

Ich werde doch noch weggehen. Nach 27 Jahren in Bonn — vom Kindergarten bis zum Magister — zieht es mich nach Osten. Leipzig lockt in Form eines Volontariats bei der Leipziger Volkszeitung, ein lang gehegter Wunsch geht in Erfüllung, der jedoch auch seinen Preis hat. Ich werde Abschied nehmen von lieb gewonnenen Orten, Menschen und Gewohnheiten und mich in eine neue Stadt mit neuen Menschen einleben. Es ist wie auf dem Basar und Trotzendorff macht seine Tauschgeschäfte:

Ich tausche 315.000 Bonner gegen 500.000 Leipziger, 90.000 Stück General-Anzeiger gegen 270.000 Stück Leipziger Volkszeitung und durchschnittlich 440 Schluck Kölsch pro Monat gegen eine noch unbekannte Menge Leipziger Gose.

Ich werde die Sommerabende nicht mehr am Rhein verbringen, sondern an Pleiße, Parthe und Weißer Elster. Der Tausch Bonner SC gegen LOK Leipzig ist gehuppt wie gesprungen, beim KFZ-Kennzeichen ist BN gegen L eindeutig ein Gewinn.

Mich umgeben bald 18,9, statt 8,1% Arbeitslose und ich darf mich statt von einerAmpelkoalition von einer informellen Koalition regieren lassen. Wird gehen.

Anstatt mir Macke im Kunstmuseum anzuschauen, werde ich jede freie Minute vor Cranachs Adam und Eva im Museum der bildenden Künste verbringen und auch der Abschied von der Rheinaue wird mir durch den Cospudener See leicht gemacht. Hoffentlich darf man da totes Tier über Feuer rösten. Und wenn nicht, statt 220 Kilometern nach Holland hab ich jetzt halt 400 Kilometer bis an die Ostsee. Auch machbar.

Die Springmäuse ersetzt mir das Ensemble der Pfeffermühle, die kennen sich eh persönlich und können ganz gut miteinander. Statt tagtäglich das potthässlicheStadthaus ertragen zu müssen (Tut mir leid, liebe Architekturhistoriker, von mir aus dürfte der Bau ruhig rückgebaut werden), darf ich mir bald das neue Rathausansehen. Eindeutig ein Plus.

Selbst auf höfische Athmosphäre muss ich nicht verzichten, auch wenn ich dafür nicht mehr ins Poppelsdorfer Schloss, sondern ins Gohliser Schlösschen gehen muss, und wenn es mich nach seelischem Beistand dürstet, finde ich den bald, statt wie bisher im Bonner Münster, in der Thomaskirche. Da ist die Musik auch besser.

Der Post-Tower ist vermutlich eh niedriger als der Uni-Tower und eine Oper gibt eshier wie dort. Das Beethovenorchester wird gegen das Gewandhausorchester keine Schnitte haben und den Durst am Rosenmontag kann ich in der Ständigen Vertretung stillen. Wobei, letztes Jahr sah es da am schönsten Tag des Jahres verdächtig ruhig aus…

Zur Rheinkultur werde ich nach Bonn kommen müssen, denn in Leipzig gibt es zwar ein Wave-Gotik-Treffen, aber ehem… Und auch Rhein in Flammen kann niemand ersetzen, auch die Classic Open Leipzig nicht, auf die ich mich trotzdem freue.

Was den Standort angeht, ist Leipzig eindeutig ein Vorteil. Ich wiege Haribo und die Telekom gegen BMW, und Verpoorten und die Post gegen Porsche auf. Noch Fragen?

Der Tausch WDR gegen MDR ist in Zeiten des Kabelfernsehens kein echter Tausch mehr, nur dass ich statt den Baskets nun die Eagles sehen soll, will mir noch nicht recht passen.

Dafür werde ich mir bald eine schöne Altbauwohnung leisten können, der Leipziger Wohnungsmarkt gibt so einiges her. Wenn übrigens jemand was an der Hand hat, ich bin für Tipps immer dankbar. Genauso suche ich noch einen guten Bioladen in Leipzig, von mir aus auch einen Biosupermarkt. Bevorzugte Einkaufs-, Wohn- und Freizeitgegend: Südvorstadt. Eine schöne Joggingstrecke zwischen 8 und 12 Kilometern wäre auch toll, gerne am Wasser lang, ein wenig schattig und kühl. Ansonsten bin ich wunschlos glücklich, am 1. August geht’s los. Bemühen wir in diesen Stunden noch einmal Trude Herr, die das alles so vortrefflich in Worte gefasst hat:

Wenn man Abschied nimmt, geht nach »Unbestimmt« — mit dem Wind wie Blätter weh’n. Singt mer’t Abschiedsleed, das sich öm Fernweh drieht, öm Horizonte, Salz un Teer. Wer singe Büngel schnöört, söök wo hä hinjehührt, hätt wie ‘ne Zoochfujel nit nur ei Zohuss. Man läßt vieles hier, Freund ich danke dir für den Kuß, den letzten Gruß. Ich will weitergeh’n, keine Tränen seh’n. So ein Abschied ist lang noch kein Tod!

Niemals geht man so ganz. Irgendwas von mir bleibt hier. Es hat seinen Platz immer bei dir.

Wenn et och noch su stecht, stutz die Flüjel nit, dämm, dä en der Kält kein Zukunft sieht. Maach ‘nem Vagabund doch et Hääz nit wund. Fleech eine Stöck met op singem Weech. Doch dann laß mich los. Sieh, die Welt ist groß! Ohne Freiheit bin ich fast schon wie tot!!

Niemals geht man so ganz. Irgendwas von mir bleibt hier. Es hat seinen Platz immer bei dir.

Ich verspreche dir: Bin zurück bei dir, wenn der Wind von Süden weht. Ich saach nit »Leb wohl!« — dat Woot, dat klingk wie Hohn! Völlig hohl! Maach et joot! Sieh, ich weine auch. Tränen sind wie Rauch. Sie vergeh’n. Dieser Käfig macht mich tot!!

Niemals geht man so ganz. Irgendwas von mir bleibt hier. Es hat seinen Platz immer bei dir. Nie verläßt man sich ganz. Irgendwas von dir geht mit. Es hat seinen Platz immer bei mir.

Keine Sorge, ich werde weder sentimental, noch senil, aber ein kleines Bisschen Suhlen im Abschiedsschmerz wird ja wohl noch erlaubt sein nach so langer Zeit, oder? Also dann — Leipzig, ich komme!

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