Körper & Geist
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Hells Bells

Nach einem Straßenlauf liegen leere Wasserflaschen auf einem Kopfsteinpflaster

Die Hölle liegt kurz hin­ter Kilo­me­ter 35. Ganz aus der Nähe dröh­nen Glock­en zu uns herab, als habe jemand haushohe Laut­sprech­er auf die Straße gestellt und AC/DCs »Hells Bells« ein­gelegt. Für einen Moment ver­jagt der tiefe, durch­drin­gende Klang das Ziehen in meinem linken Knie und den Durst, der langsam wieder größer wird. »I’m a rolling thun­der, a pour­ing rain, I’m comin› on like a hurricane …«

»The marathon is a charis­mat­ic event. It has every­thing. It has dra­ma. It has com­pe­ti­tion. It has cama­raderie. It has hero­ism. Every jog­ger can’t dream of being an Olympic cham­pi­on, but he can dream of fin­ish­ing a marathon.«
Fred Lebow

Hin­ter uns ragt der Kirch­turm von Laut­tasaari in den end­los blauen Him­mel von Helsin­ki, vor uns liegt eine kleine, steile Fußgänger­brücke, deren Holzgelän­der mal weiß waren. Zum zweit­en Mal an diesem Tag über­quere ich sie, zum zweit­en Mal an diesem Tag fluche ich stumm. Gle­ich dahin­ter biegt die schmale Straße scharf nach links ab, eine pro­vi­sorische Dusche haben sie hier aufgestellt zur Abküh­lung für die Marathon­läufer. 24 Grad sind dur­chaus noch warm für finnis­che Verhältnisse.

Bei Kilo­me­ter 17 haben wir nach ein­er nicht ganz so steilen, aber zähen Stei­gung am Olympia-Ter­mi­nal den Hafen und die Mark­thalle passiert, in der sie im Juli die Flusskrebs-Sai­son aus­gerufen haben und wo es die ver­mut­lich besten Hefeteilchen der Stadt gibt. Ich habe ver­sucht, sie zu ignori­eren, habe ver­sucht, nicht ans Essen zu denken. Stattdessen habe ich mich auf meinen Atem konzen­tri­ert, auf den Rhyth­mus mein­er Schritte und auf die Men­schen­menge, die um die Havis Aman­da, die Meer­jungfrau am Mark­t­platz, stand — klatschend, jubel­nd, ein biss­chen aufgekratzt.

Die Schritte werden weiter, der Kopf klarer

Aufgekratzt bin auch ich auf den ersten Kilo­me­tern, doch in dem Pulk von Läufern ist es schw­er, daraus etwas zu machen und in Tritt zu kom­men. Erst auf Höhe der ersten Inseln, kurz hin­ter der deutschen Botschaft, lichtet sich das Feld etwas, mit der Weite der Bucht von Seurasaari wer­den auch meine Schritte weit­er — und mein Kopf wird klarer.

Ich weiß nicht, wie viele Kinder mir auf der Route durch die Stadt ihre Hand ent­ge­gengestreckt haben, um einzuschla­gen. Dutzende von ihnen ste­hen an der Straße, einige von ihnen tra­gen stolz ein gelbes Trikot mit der Auf­schrift »Helsin­ki Mini Marathon«, andere sind mit ihren Eltern gekom­men, wieder andere ste­hen vor ihren Häusern, um sich das Spek­takel anzuguck­en. Auf den gepflegten Rasen vor einem Back­stein-Bun­ga­low auf Lehti­saari haben ein Mäd­chen und ihre Mut­ter einen kleinen Holztisch gestellt und Erfrischun­gen aufge­baut — Wass­er, Sport-Drinks, Bananen.

Es ist ein unge­wohnt gesel­liges Helsin­ki für mich in diesen Tagen. Sie sind geprägt von Begeg­nun­gen und Gesprächen, von Bier am Nach­mit­tag auf den Felsen von Suomen­lin­na, von einem kurzen Plausch vor dem Start am Olympias­ta­dion, von Lachen, von Neugi­er, vom Essen. Ein Helsin­ki, das ich so noch nicht kenne. Und doch ein Helsin­ki, das so ver­traut wirkt, dass es schmerzt.

»Eigentlich genau mein Tempo«

Kurz nach den Glock­en von Lau­tasaari, in ein­er in den Fels gesprengten Fußgänger­pas­sage in die Innen­stadt, bricht mir ein Anblick fast das Herz. Ein 60‑, vielle­icht 65-jähriger Mann sitzt auf ein­er Bank am Rand der Strecke und tele­foniert, während eine ältere Frau seine Hand hält. Die Schnürsenkel sein­er Lauf­schuhe sind gelöst, das Gesicht zwis­chen Verzwei­flung und Res­ig­na­tion erstar­rt. Er wird es wohl nicht mehr schaf­fen bis ins Sta­dion. Fünf Kilo­me­ter vor dem Ziel ist das Ren­nen für ihn beendet.

»Natür­lich tut ein Marathon weh. Aber dafür schenkt er uns im Ziel die ganz große Euphorie oder die ganz große Ent­täuschung — er macht sämtliche Emo­tio­nen größer.«
Matthias Poli­ty­c­ki: »Marathon ist etwas Ern­stes« (in: Sports­fre­und 7/8 2015)

Für den Läufer vor mir allerd­ings fängt es ger­ade erst an. In dem Moment, in dem ich darüber nachgedacht habe, die let­zten Kilo­me­ter ruhig und in Würde zu Ende zu laufen, ist er an mir vor­beige­zo­gen. Er ist gedrun­gen und drahtig, hat kaum noch Haare auf dem Kopf, aus dem Augen­winkel schätze ich ihn auf 70, sein orange­far­benes Trikot leuchtet in der Sonne. »Eigentlich genau mein Tem­po«, denke ich und hänge mich an seine Fersen. Für drei Kilo­me­ter werde ich ihm fol­gen kön­nen, dann, beim let­zten Anstieg hoch zum Sta­dion, zieht er davon. Doch er ret­tet mir meinen Schlussspurt — und meine Zeit.

Am näch­sten Abend werde ich in einem Restau­rant in Kallio am Neben­tisch einen Mann ent­deck­en, der ihm unglaublich ähn­lich sieht. Er weiß zwar nicht, was er für mich getan hat, aber eigentlich würde ich mich gerne bei ihm bedanken. Doch als ich mich fast dazu durchgerun­gen habe, ihn anzus­prechen und zu fra­gen, ob er gestern auf der Strecke war, hat er schon gezahlt und ist gegangen.

Tränen, Staunen, Glückseligkeit

Drei Tage vorher war ich mit­ten in der Nacht mit einem Krampf in der recht­en Wade aufgewacht. Ich hat­te im Traum ger­ade einen schwarzen Porsche 910 gekauft, ein Schnäp­pchen, und ver­mut­lich zu viel Gas gegeben. Doch plöt­zlich war da nur noch dieses Hotelz­im­mer, diese schwüle Berlin­er Som­mer­nacht und dieser pochende Schmerz in der Wade, der mich noch einige Tagen begleit­en sollte.

Als wir fast zwei Stun­den nach dem Zielein­lauf noch ein­mal an der Fußgänger­pas­sage vor­beikom­men, tra­ben dort unten immer noch einige Läufer dem Ziel ent­ge­gen. Seit weit mehr als fünf Stun­den sind sie jet­zt unter­wegs. Vielle­icht haben auch sie die Hells Bells gehört, haben sich über die vie­len Fam­i­lien an der Strecke gefreut oder ver­sucht, das Panora­ma der Stadt zu genießen. Vielle­icht haben sie auf der kleinen Brücke laut geflucht, vielle­icht sind sie auch kurz ste­henge­blieben. Aber sie laufen noch. Sie alle, wir alle, haben an diesem Tag die selbe Strecke hin­ter uns gebracht, und doch war es für jeden ein anderes Ren­nen — es war für jeden sein eigenes.

Meins endet um 18:31 Uhr unter dem schneeweißen Turm des Olympias­ta­dions. Die Medaille um meinen Hals fühlt sich kalt und schw­er an, neben mir auf dem Rasen liegt eine Plas­tik­tüte voll Glück: eine Banane, Getränke, Müs­liriegel, Schoko­lade. Ohne nachzu­denken, esse und trinke ich und werfe dabei immer wieder einen Blick auf die bei­den Lein­wände, auf denen der Zielein­lauf über­tra­gen wird, sehe die Men­schen, einen nach dem anderen, wie sie die 42 Kilo­me­ter hin­ter sich brin­gen, sehe Trä­nen, Staunen, Glück, Euphorie. Und dann muss ich an die junge Finnin denken, die mir wenige Stun­den zuvor auf Kask­isaari ein kleines Papp­schild ent­ge­genge­hal­ten hat. »Cold Beer: 35 Kilo­me­ters« stand darauf. Ich läch­le — und ste­he auf. Wo es das gibt, weiß ich.

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